Archiv für August 2011

Schweinehund fällt aus

„New Yorkers are a tough breed“, sagte der Gouverneur New Yorks Andrew Cuomo heute auf einer Pressekonferenz, sie sollten aber trotz dieses bekannten Charakterzugs nicht zu übermütig sein. Doch von Übermut ist nichts zu sehen, die New Yorker nehmen es gelassen und fügen sich dem, was kommen mag. Diese Haltung hat sich insbesondere nach den schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September verstärkt. Für viele New Yorker war der eigentliche Sieg über al-Qaida der, dass sie sich in ihrem Lebensstil nicht eingeschränkt haben, dass nur wenige von ihnen die Stadt verlassen haben und dass sich New York relativ schnell von diesem Schock erholt hat.

Diese Woche ist aber dennoch ein bisschen aufregend, weil gleich zwei der potentiell gefährlichsten Naturphänomene in New York zu beobachten waren und noch sind. Anfang dieser Woche kam ein Erdbeben, das aber von den meisten New Yorker nicht bewusst wahrgenommen wurde. In manchen Gebäuden wackelte es kurz, Schäden gab es keine und die Verwunderung war groß. Nun steht also die Ankunft des Hurrikan Irene bevor und damit das nächste Naturschauspiel – und dass in einer Stadt, die mit der Natur in der Regel herzlich wenig am Hut hat.

Umso interessanter ist es jetzt zu beobachten, wie auf den herannahenden Hurrikan reagiert wird. Auf allen Fernsehkanälen wird jede Bewegung des Tropensturms dokumentiert, kommentiert und seziert, Ausnahmezustände sind in allen betroffenen Bundesstaaten bereits ausgerufen und in weiten Teilen dieser Bundesstaaten auch sogenannte ‚mandatory evacuations‘ ausgesprochen worden, womit die Bewohner der betroffenen Gebiete eindringlich zur Evakuierung aufgefordert werden können, dazu zwingen dürfen aber die staatlichen Behörden in den Vereinigten Staaten niemand.

Bürgermeister Bloomberg, der im Winter lieber auf den Bahamas Urlaub machte, als sich um die riesigen Schneemassen in New York zu kümmern, möchte nicht, dass sich so ein administrativer Ausfall wiederholt und warnte dieses Mal eindringlich davor in den Gefahrenzonen zu bleiben. Seit Samstag 12.00 Uhr fahren bereits keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, ein drastischer Schritt der Metropolitan Transportation Authority, den es so in der Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs in New York noch nie gegeben hat. Ebenfalls zum ersten Mal in der Geschichte New Yorks werden alle öffentlichen Krankenhäuser evakuiert, genauso wie die wassernahen Randbezirke Manhattans. (mehr…)

Die unfähigen Mühlen der Bürokratie und ein Erdbeben

Eine weitere Woche ist vorüber, in der ich meine Zeit hauptsächlich mit administrativen Gängen verbringen durfte. Es ist faszinierend, wie unfähig manchmal Bildungseinrichtung in der Erledigung einfachster Aufgabe sind. Um Zugang zur Bobst-Bibliothek, die Bibliothek der New York University, zu erlangen, bin ich mindestens sechsmal zwischen der Bobst Bibliothek und der Bibliothek der New School hin und her gerannt, ohne dass ich irgendeinen Erfolg vorweisen kann. Die Bobst ist für mich insbesondere deshalb interessant, weil sie viel längere Öffnungszeiten hat als die New School Bibliothek, zudem hat sie einfach einen riesigen Bestand an Literatur, den ich nutzen möchte, und schließlich habe ich dort keinen Internetzugang, was einem das Arbeiten ja manchmal durchaus erleichtert (Selbstdisziplinierung funktioniert meistens eher schlecht).

Als ich am Dienstag in der Fogelman Bibliothek der New School gerade über einem Buch saß, wurde ich auf einmal aus meinen Gedanken gerüttelt. (mehr…)

Zehn Jahre Krieg gegen den Terror – ein (kritischer) Blick zurück

Dies ist jedoch nicht nur Amerikas Kampf. Und es geht hier nicht nur um Amerikas Freiheit. Dies ist ein Kampf der gesamten Welt. Dies ist der Kampf der gesamten Zivilisation. Dies ist der Kampf all jener, die an Fortschrittt und Pluralismus, Toleranz und Freiheit glauben. (George W. Bush am 20. September 2001 bei einer gemeinsamen Sitzung des amerikanischen Kongresses)

Anfang dieser Woche fand im Gebäude der Society for Ethical Culture eine Veranstaltung des konservativen Commentary Magazins statt, bei der über „Zehn Jahre Krieg gegen den Terror“ diskutiert werden sollte. An einem warmen Sommerabend machte ich mich also Richtung Central Park auf, um zu hören, wie Autoren der führenden neokonservativen Zeitschrift die letzten zehn Jahre einschätzen. Es sollte hauptsächlich bilanziert werden, hierzu diente der Text des Journalisten Abe Greenwald „What We Got Right in the War on Terror“ als Diskussionsgrundlage. Greenwald vertritt die nachvollziehbare Position, dass die vergangenen zehn Jahre als Erfolg gewertet können. Er gibt zu, dass es in manchen Bereichen besser hätte laufen können, aber sowohl aus militärischer Perspektive als auch von einem sicherheitspolitischen Gesichtspunkt aus gab und gibt es große Erfolge im Kampf gegen den islamistischen Terror: Die Taliban sind in Afghanistan von ihrer Macht verdrängt und militärisch geschwächt worden; Al-Qaida hat in Afghanistan ihren sicheren Hafen verloren und im Irak eine schwer militärische Niederlage erlebt; im Irak konnte die erste arabische Demokratie etabliert werden, die nicht zuletzt auch die Grüne Bewegung im Iran motiviert hat (obwohl auch Greenwald zugesteht, dass insbesondere in letzter Zeit bedenkliche Tendenzen beim irakischen Premierminister al Maliki zu beobachten sind); das Wichtigste aber seit 2001 konnten dutzende Anschläge auf die USA verhindert werden und es kam zu keinem Anschlag in der Größenordnung des 11. Septembers.
Commentary Forum Wie geschrieben, Greenwald gibt zu, dass es Rückschläge gab. Hauptsächlich waren das: in Afghanistan ein viel zu spät begonnenes nation-building und die erfolgreiche Flucht Osama bin Ladens; im Irak die fehlerhaften Geheimdienstberichten zu Massenvernichtungswaffen, die Entbaathifizierung und Entlassung der irakischen Soldaten und das anfängliche Fehlen einer Strategie gegen die Aufständischen.

An dieser Stelle möchte ich keine Rezension von Greenwalds Text oder der Veranstaltung abliefern, sondern die Thesen vielmehr als Aufhänger für meine Gedanken zur letzten Dekade aufgreifen. Zum 11. September und meinen persönlichen Veränderungen seit dieser Zeit werde ich in den nächsten Wochen gesondert etwas schreiben. Obwohl ich in weiten Teilen Greenwald zustimme – und insbesondere die sicherheitspolitischen Maßnahmen nicht nur in den USA für überaus erfolgreich halte – , wären zehn Jahre auch Zeit, eine kritische Bilanz zu ziehen, ohne Defätismus und Gedanken an Appeasement, vielmehr um Lehren zu ziehen, die dazu führen, Fehler nicht noch einmal zu begehen. So blieben am Abend leider wichtige Rückschläge unerwähnt: (mehr…)

Kurz, zwischen zwei Orten

Bald kann ich also in eine richtige Wohnung ziehen. Zwar ein ganzschönes Stück von Manhattan entfernt, jedoch im sehr beschaulichen Midwood in Brooklyn. Inmitten von chassidischen Juden, russischen Einwanderern, Italo-Amerikanern und allerhand anderen Kulturen werde ich Kallens amerikanischen Pluralismus erleben dürfen. Um die Ecke ist Brighton Beach, kurze Abstecher an Strand und Meer sind schon eingeplant.
Am kommenden Sonntag werde ich mir im Central Park Erik B., Rakim und Funkmaster Flex anschauen. Mehr als ein Jahrzehnte nachdem ich aufgehört habe Hip-Hop Schallplatten zu kaufen und auf entsprechende Konzerte zu gehen, bin ich mal gespannt, was die beiden alten Herren noch so zustande bringen und ob es mir noch gefällt. Das Ganze findet im Rahmen der SummerStage statt, eine Art großes Umsonst-und-Draußen mitten in Manhattan und ohne Schulbands. Man darf gespannt sein.

--Leider scheint der hier eingefügte link zum Video „Don‘t sweat the technique“ von Erik B.&Rakim in Deutschland nicht zu funktionieren. Es tut mir leid. --

Wenn ich noch Zeit finde, werde ich mich auch nochmal zu einem ausführlicheren Bericht hinsetzen.

New York, Koestler und ich

Freedom of thought and expression is, thus, the first and the last insurance of human individuality against tyrannies and inertias of state, church, business enterprise, institution of learning, academy of art, or any other vested interest of the cultural economy of mankind. (Horace M. Kallen, 1945)

Nun ist also die erste Woche rum und da könnte man ja eine erste Bilanz ziehen. New York hat sich seit meinem letzten Aufenthalt vor zwei Jahren relativ wenig verändert. Noch muss ich mich ein bisschen orientieren, verschiedene administrative Gänge erledigen und vor allem eine Wohnung finden. Zurzeit wohne ich zwar sehr zentral im East Village, jedoch auf vielleicht 8m², das ist auf Dauer nicht durchzuhalten; außerdem hat Manhattan nach spätestens 48h den Effekt, dass man dauergestresst ist. Hier gilt wirklich, New York ist die Stadt, die niemals schläft und insbesondere niemals schweigt. Gestern kam noch der Regen hinzu, es hat den ganzen Tag geregnet und zwar richtig. Deutschland lässt grüßen, dachte ich mir. Besonders ärgerlich, weil ich diese Woche nach Long Island an den Strand wollte, aber vielleicht wird es gegen Ende der Woche noch was. Ansonsten werde ich morgen zum Diskussionsabend des COMMENTARY Magazins gehen, wo über Zehn Jahre Krieg gegen den Terror diskutiert werden soll. Ich bin sehr gespannt, insbesondere auch deshalb, weil es ansonsten in New York relativ schwer ist, sich politisch außerhalb des linken Spektrums zu informieren (für Tipps bin ich offen). (mehr…)