Aller Anfang ist schwer

The plan for the city must be the Idea of the City as an enterprise of free men in the cooperative attainment of the good life by means of the best instrumentalities available to the modern industrial community. (Horace M. Kallen, 1956)

Jetzt sitze ich also in New York, weit entfernt von brennenden Städten und einem verregnetem Sommer, in einer Stadt, die immer noch ziemlich genau der Idee von Stadt entspricht, die Horace Kallen, in dem Eingangszitat skizziert hat: ein Vorhaben freier Menschen durch die besten Hilfsmittel, die der modernen Industriegesellschaft zur Verfügung stehen, das gute Leben kooperativ zu verwirklichen. Hier werde ich für ein halbes Jahr versuchen, meine Dissertation das entscheidende letzte Stück voranzubringen. Mit finanzieller Unterstützung der Fulbright-Kommission und dem Wissen Richard J. Bernsteins von der New School for Social Research werde ich meine Doktorarbeit zum amerikanisch-jüdischen Philosophen Horace M. Kallen hier diskutieren und weiterschreiben.

Natürlich kann ein Aufenthalt in der kulturellen Kapitale des Westen sich nicht nur auf einen Arbeits- und Forschungsaufenthalt beschränken. Es werden Eindrücke gesammelt, Straßen durchstreift, Bars und Cafés besucht, Menschen getroffen und ein zwiegespaltener Blick von Long Islands Küsten Richtung Europa geworfen, auf unseren Kontinent, den alten.

In den folgenden Monaten werde ich zum einen Gedanken zu meiner Doktorarbeit und zu meinem Thema dokumentieren. Horace Kallen (1882-1974), den meisten unbekannt, den anderen als vermeintlicher Pate des modernen Multikulturalismus oder Ethnopluralismus verhasst, war weit entfernt davon, sich als Apologet eines tribalistischen und relativistischen ‚anything-goes‘ zu betätigen. Vielmehr entsprang seine Theorie der Frage, wie das Glück des Einzelnen in der Gesellschaft verwirklicht werden kann, wie ein Zusammenleben funktionieren muss, um die „individuality of the individual“ voll zur Geltung zu bringen. Horace M. Kallen und Mordecai M. Kaplan, 1962
Individualismus ohne Pluralismus kann es nicht geben, so die nachvollziehbare These von Kallen, aber auch keinen Pluralismus ohne Individualismus. Mit diesem Interesse stand er damals nicht alleine da, aber er war der Erste, der sich ernsthaft damit auseinandersetzte. An dieser Stelle sei nur kurz angemerkt, dass z.B. Adorno, den Kallen u.a. durch sein Engagement an und für die ‚University in Exile‘ kannte, von dem ihn aber theoretische Welten trennten, 1944 in seiner Minima Moralia ein Gesellschaftsmodell postuliert hatte, das demjenigen Kallens sehr ähnlich war:

Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernste noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren.“

Während Adorno sich in der ‚Dialektik der Aufklärung‘ verrannte und melancholisch europäischen Bildungsidealen und Denkmustern nachhing, war Kallen Amerikaner, nicht nur als Staatsbürger, sondern vor allem in seinem Glauben an die „American Idea“, wie er diese Überzeugung in Anlehnung an Theodore Parker nannte. Diese speiste sich aus der Declaration of Independence – die er auch als „basic document in the bible of democracy betrachtete“ –, der Bill of Rights, dem Denken Thomas Jefferson und nicht zuletzt der Philosophie seines Lehrers William James. Differenz als Verwirklichungsbedingung individuellen Glücks wurde von Kallen, Jahrzehnte bevor es in (exil-)europäischen Kreisen überhaupt als ernstzunehmende Frage erkannt wurde, diskutiert. Unter Bezugnahme auf diese amerikanischen Denkfiguren setzte er sich für das individuelle „right to be different“ ein, oder wie man in Anlehnung wiederum an Adorno sagen könnte, für eine Gesellschaft, in der man „ohne Angst verschieden sein kann.“ Theorien waren in Kallens sehr amerikanischem Denken Instrumente, um das Leben des einzelnen Menschen zu verbessern. Dieser Prämisse entsprechend müssen sich Theorien am Menschen und nicht dieser an den Theorien messen lassen. Eine Erkenntnis, die in ihrer Selbstverständlichkeit so klar scheint, doch Wissenschaftlern und Politikern immer noch schwer zu vermitteln ist. So viel in dieser Kürze. Über das Gelingen und teilweise auch Scheitern von Kallen – und vor allem mein eigenes Ringen mit dessen Denken – soll ein Teil meiner Einträge gehen.

Dabei ist es interessant, dass Kallen mir insbesondere politisch-philosophisch ans Herz gewachsen ist. Sein Engagement für den Zionismus, sein sehr frühes Eintreten gegen Faschismus und Kommunismus, sein Lob auf die freiheitliche Gesellschaft und auf das Individuum, die Ablehnung von Determinismus und allumfassend Theorien, alles das kann ich nachvollziehen und bedenkt man, in welcher Epoche Kallen gelebt hat, ringt mir seine Voraussicht im Hinblick auf die Gefahren totalitären Denkens einen gehörigen Respekt ab. Während andere meiner ‚Helden‘, wie Manès Sperber, Arthur Koestler, Irving Kristol oder Norman Podhoretz erst durch das Scheitern ihrer utopistischen Ideen zur Vernunft kamen, war Kallen, so scheint es, durch seine philosophsiche Verortung von Beginn an gegen die Versuchung des Totalitarismus immunisiert. Dass Kallen enge Verbindungen zu Denkern wie Lewis Feuer und Sidney Hook hatte, die heutzutag klar in die Kategorie Neocon fallen würden, bestätigt mich in meiner Affinität zu Kallen.

Anderes, was ich hier festhalten will, werden Eindrücke und Gedanken zu dieser Stadt sein, die immer noch das verkörpert, was ich unter ‚dem‘ Westen verstehe. Banales, Faszinierendes, Obskures, Inspirierendes und Individuelles sollen Eingang und Ausdruck finden. Denn nur durch das Eintauchen in die Wirklichkeit dieser Stadt (und dieses Landes), nur im Versuch zu verstehen, was das sein könnte, was ich vereinfachend den ‚Westen‘ nenne, kann es gelingen, zu verstehen, was das Großartige daran ist. Ich werde mit meinen bescheidenen Möglichkeiten versuchen, Aktuelles zu kommentieren und meine eigene politsche Vorstellung zu definieren. Am Herzen liegt mir hier die Entwicklung im Nahen Osten und insbesondere die Entscheidung in der UN-Vollversammlung über einen Palästinenserstaat wird eine herausragende Rolle spielen. Auf der Achse des Guten hatte ich hierauf bereits vor Monaten (Was passiert, wenn die Palästinenser einen Staat ausrufen?) hingewiesen, doch je näher das Datum rückt, umso banger wird mir um Israel. Im September steht außerdem die von anti-israelischen Kräften geprägte Durban-III-Konferenz und der zehnte Jahrestag der Anschläge vom 11. September an. Vor allem um 9/11 herum werde ich versuchen einen Blick zurück und in die Zukunft zu werfen. Von heute aus gesehen gab es in meinem Leben keinen Moment, der mich politisch stärker beeinflußt und zum Ändern meines Denkens geführt hat.
Schließlich werde ich mich mit den Vorgängen in der amerikanischen Politik und der anstehende Präsidentschaftswahlkampf 2012 auseinandersetzen, denn um Demokratie als ein soziopolitisches Ideal zu beobachten, scheinen mir die USA – trotzt (oder auch wegen) aller europäischer Unkenrufe – besser geeignet, als ein Europa, in dem wahlweise Büro-, Techno oder Plebokratie gefeiert werden.

Ich bin gespannt, wie (und ob) sich diese unterschiedlichen Bereiche letztlich zu einem Mosaik zusammenfügen lassen, das nach und nach zu einem Bild wird, welches mir hilft, die Zeit zu verstehen, in der wir leben. Denn wie Hamlet glaube auch ich, dass die Zeit aus den Fugen ist, aber anders als der Prinz von Dänemark bin ich nicht davon überzeugt, dazu geboren worden zu sein, diese wieder einzurichten. Die Dokumentation des ‚Aus-den-Fugen-Seins‘ liegt mir näher und dem werde ich mich widmen.

Ich freue mich über rege Lese- und Kommentarbeteiligung. Auf twitter bin ich ebenfalls vertreten und gebe meinen Senf und Literaturhinweise zum Besten, Folgen erwünscht!


7 Antworten auf „Aller Anfang ist schwer“


  1. 1 Anna 12. August 2011 um 0:03 Uhr

    Ich freue mich auf Deine Eindrücke Gedanken und Thesen. Auf Deine Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus bin ich sehr gespannt, wobei es für mich schon wichtig finde ist auch die Unterschiede zwischen zwischen Faschismus und Kommunismus herauszuarbeiten. Wie stehst Du dazu? Auch ich sehe mit schwerem Herzen der Zeit entgegen, in welchem die UN -Vollver-sammlung über einen Palästinenserstaat abstimmt. Hoffen wir mal das Beste für Israel. Ich wünsche Dir, neben der vielen Arbeit, die Du Dir vorgenommen hast, auch eine schöne und erlebnisreiche Zeit.

  2. 2 Mr. Moe 12. August 2011 um 8:35 Uhr

    Bin auf weitere Einträge gespannt und wünsche schöne erste Tage!

    Ein weiterer Punkt, der auf die Lange Liste der Vorhaben gehört: mindestens zehn Kinky Friedman Romane lesen und die entsprechenden Lokalitäten im Greenwich Village abklappern!

  3. 3 Andi 12. August 2011 um 9:09 Uhr

    Hauuuuu in die Tasten! Ich freu mich, dass es die Möglichkeit gibt, Dir bei Deinem Unternehmen zu folgen. Das macht, finde ich, die Distanz ein wenig wett. Der 10. Jahrestag von 9/11 ist sicherlich ein bedeutendes Datum – auch bei uns, hier in der Redaktion, brennt diesbezüglich die Hütte. Daher: bin gespannt. Mach es gut.

  4. 4 Krille 12. August 2011 um 12:34 Uhr

    Bereits der Einleitungstext verspricht einen sehr interessanten und ganz besonders lesenswerten Blog. Werde ihn mir unverzüglich zu meinen Favoriten hinzufügen und wünsche dir einen spannenden und erkenntnisreichen Aufenthalt in den Staaten :) .

  5. 5 Bobby 12. August 2011 um 16:52 Uhr

    Freu mich aufs Lesen von deinen Streifzügen durchs neue Revier und dem Entdecken weiterer Spuren und Perspektiven! Schön, dass es wieder einen Blog gibt!

  6. 6 yourenlightenment 17. August 2011 um 22:30 Uhr

    Entspricht NY wirklich noch der Idee einer Stadt, wie sie Kallen dachte oder ist nicht ein wesentlicher Wandel zu konstatieren – Rauchverbot fast überall zum Beispiel? Die ökologische Ideologie hält leider auch dort wohl Einzug.

  7. 7 Kevin 18. August 2011 um 3:39 Uhr

    @yourenlightenment: In der Tat greifen diese m.E. antiliberalen Strömungen hier stark um sich, vor allem wenn sie staatlich sanktioniert durchgesetzt werden sollen. Aber sie sind niemals total. Die Frage, ob NY dennoch der Idee Kallens entsprechen kann, ist deshalb nicht so einfach zu beantworten. Die Stadt als das Gemeinschaftsprojekt freier Menschen wird durch diese Maßnahmen m.M. nach nicht grundsätzlich in Frage gestellt, solange es einen gewissen Konsens gibt, dass dadurch die Freiheit des Individuums nicht gemindert wird. Die Grenzen sind leider hierbei fließend zwischen Freiheit und Tyrannei, und können letztlich nur bestimmt werden von den freien Menschen, wenn sie dazu bereit sind. Am letzteren – da sind wir uns dann wahrscheinlich einig – besteht zunehmend Zweifel.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.