New York, Koestler und ich

Freedom of thought and expression is, thus, the first and the last insurance of human individuality against tyrannies and inertias of state, church, business enterprise, institution of learning, academy of art, or any other vested interest of the cultural economy of mankind. (Horace M. Kallen, 1945)

Nun ist also die erste Woche rum und da könnte man ja eine erste Bilanz ziehen. New York hat sich seit meinem letzten Aufenthalt vor zwei Jahren relativ wenig verändert. Noch muss ich mich ein bisschen orientieren, verschiedene administrative Gänge erledigen und vor allem eine Wohnung finden. Zurzeit wohne ich zwar sehr zentral im East Village, jedoch auf vielleicht 8m², das ist auf Dauer nicht durchzuhalten; außerdem hat Manhattan nach spätestens 48h den Effekt, dass man dauergestresst ist. Hier gilt wirklich, New York ist die Stadt, die niemals schläft und insbesondere niemals schweigt. Gestern kam noch der Regen hinzu, es hat den ganzen Tag geregnet und zwar richtig. Deutschland lässt grüßen, dachte ich mir. Besonders ärgerlich, weil ich diese Woche nach Long Island an den Strand wollte, aber vielleicht wird es gegen Ende der Woche noch was. Ansonsten werde ich morgen zum Diskussionsabend des COMMENTARY Magazins gehen, wo über Zehn Jahre Krieg gegen den Terror diskutiert werden soll. Ich bin sehr gespannt, insbesondere auch deshalb, weil es ansonsten in New York relativ schwer ist, sich politisch außerhalb des linken Spektrums zu informieren (für Tipps bin ich offen).
Schon ein Gang zum Buchladen Barnes&Nobles und ein Blick auf die Buchempfehlungen im Bereich Außenpolitik/internationale Politik hat mir gezeigt, dass ich mit meinen Einstellungen hier auf sehr verlorenem Posten stehe. Neben so unsäglichen Pamphleten wie der anti-israelischen Hassbibel von Omar Barghouti „Boycott, Divestment, Sanctions: The Global Struggle for Palestinian Rights“ finden sich die gesammelten Werke von Noam Chomsky und ähnliche Machwerke sowie auf einem anderen Stapel Shlomo Sands „The Invention of the Jewish people“. Ein Gang in die Abteilung Philosophie verrät, dass es auch in diesem Bereich in New York (das gleiche würde aber in San Francisco, Boston oder jeder anderen amerikanischen Großstadt gelten) weniger darum zu gehen scheint, Philosophie als einen Versuch zu sehen, die Welt zu verstehen, sondern sie eine Disziplin geworden ist, in der Selbstinzenierung und Quacksalberei, die sich des Namens ‚Kritik‘ bemächtigt hat, vorrangig Interesse findet. So findet man in den Buchregalen hauptsächlich Adorno, Heidegger, Foucault, Derrida, Baudrillard und alle ihre Epigonen. Die einzige Ausnahme bilden hierbei verschiedene Autoren der analytischen Philosophie, wobei sich bei denen ebenfalls die Frage stellt, ob sie – trotz ihres Anspruches genau das zu tun –, die Welt wirklich verständlicher machen oder sich nicht einfach in ihrem Jargon verrannt haben (hier gibt es Ausnahmen, wie mein Betreuer hier in New York, Richard Bernstein, eindrucksvoll gezeigt hat, siehe hier). Bezeichnenderweise findet man kaum Philosophen, die originär amerikanisch (von der Herkunft, aber insbesondere von ihrem Denken her) waren. Damit meine ich natürlich vor allem Denker des Pragmatismus, die ja bereits vor dem Ersten Weltkrieg von allen europäischen und insbesondere deutschen Philosophen als die typischen Vertreter der „angelsächsischen Krämerseele“ gesehen und gemieden wurden. Eine Ressentiment, das bis in die Rezeption Adornos und vor allem Horkheimers fortwirkte (s. hierzu das exzellente Buch meines Betreuers Hans Joas). John Dewey kann nicht ignoriert werden und William James ebenfalls nicht. Aber im Vergleich zu den meterlangen Foucault-Reihen, ist die Anzahl der Bücher, die man von Dewey und James erstehen kann, sehr übersichtlich. Sidney Hook, George H. Mead, C.L. Lewis oder Horace Kallen sucht man vergeblich, ab und an trifft man noch auf Richard Rorty und Hilary Putnam.
Soviel also zu Barnes&Nobles, gerade aber auch an der New School, an die ich angebunden bin, findet sich genau diese Meinung, die ich durch die Angebotspalette in B&N deutlich machen wollte, wieder. Philosophie ist europäisch, kritisch und politisch, was nichts anderes heißt, als dass jeder, der sich Philosoph nennt, links ist oder zu sein hat. Diskussionen über Positionen, die nicht in dieses Spektrum fallen gibt es nicht bzw. führen zur sozialen Ächtung. Das ist im ‚normalen‘ Leben schon sehr bedenklich, aber für die Wissenschaft tödlich. Nicht zuletzt auch dies eine Lehre des Pragmatismus, der sich immer der wissenschaftlichen Methode verschrieben hatte, worunter nicht Positivismus und Technikfetischismus zu verstehen ist, sondern das Aufstellen, Testen und Revidieren von Hypothesen. Wissenschaftliche Freiheit und Meinungsfreiheit bilden hierbei sodann zwei Seiten einer Medaille. Wie Horace Kallen 1945 unter Bezugnahme auf Franklin D. Roosevelts „Four Freedoms“ schrieb, können alle Freiheiten auf eine grundlegende Freiheit zurück geführt werden, “the freedom of thought, of inquiry”. Von dieser ausgehend kann man dann, so Kallen, erst zu den anderen Freiheiten (Roosevelt zählte dazu Glaubensfreiheit, Freiheit von Not und Furcht) gelangen. Im Jahr 2011 steht es um diese Grundlage aller Freiheiten nicht mehr sonderlich gut und vor allem in Europa hat es sich in den letzten Woche mal wieder gezeigt, dass der klassische Liberalismus nie eine Tugend war, die feste Wurzeln geschlagen hat.

Außerdem habe ich mich diese Woche in die Autobiographie von Arthur Koestler vertieft. Den ersten Teil „Arrow in the Blue“ fast fertig, bin ich einmal mehr von Koestler beeindruckt. Natürlich merkt man, dass bei ihm ein gewisses Maß an Selbstverliebtheit vorhanden ist, dass manche Geschichten ein bisschen farbiger gezeichnet werden, als sie es wahrscheinlich eigentlich waren. Dennoch ist es eine lohnenswerte Lektüre und Koestlers Irrungen und Wirrungen durch die 1910er/20er und 30er nachzuvollziehen. Der melancholische Blick zurück in ein Europa, das so schon lange aufgehört hat, zu existieren, der sich z.B. auch beim Lesen von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ einstellt, trifft man auf den ersten Seite von Koestlers Buch ebenfalls an. Doch, wie Koestler schon bald bemerkt, das Zeitalter der Vernunft neigte sich in Europa bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs dem Ende entgegen. Im Gegensatz zu Torberg war Koestler außerdem bereits in jungen Jahren ein politischer Mensch, zunächst als Zionist und Anhänger des Revisionismus um Zeev Jabotinsky und nach der Erfolglosigkeit seines Ausflugs nach Palästina, und einem Zwischenspiel als Wissenschaftsredakteur für den Ullstein Verlag, vor allem als Anhänger und Aktivist für den Kommunismus. Zusätzlich zu den beeindruckenden Schilderungen vom ständigen Scheitern und Neubeginn, unvorstellbarem Hunger und Erfolg sind es vor allem Koestlers Kommentare, die bereichern und die Lektüre nicht nur spannend, sondern auch lehrreich machen.
So zum Beispiel als ich morgens beim Kaffee die deutsche Berichterstattung über die Debatte der republikanischen Kandidaten zur Präsidentschaftswahl las. Insbesondere Marc Pitzke vom Spiegel ist ein herausragendes Beispiel für eine Berichterstattung, die sich nicht mit dem einfachen Berichten zufrieden gibt. Die republikanische Kandidatin Michele Bachmann, die zugegebenrmaßen kontroverse Positionen vertritt, wurde von Pitzke so nicht nur als Anhängerin eben solcher umstrittener Positionen porträtiert. Pitzke bezog Position und verwob seine Berichterstattung mit seiner eigenen Meinung zu den USA und vor allem zu den ‚rechten‘ Republikanern. So begann er seinen Artikel mit der vollkommen irrelevante Beschreibung von Bachmanns Körpergröße, eine verblüffend zierliche Frau sei sie, meinte Pitzke. Nur um im nächsten Absatz dieser zierlichen Frau sogleich zu unterstellen, dass sie Politik betreibe, wie wir sie von Politiker in Deutschland nicht kennen. Ihr Geschäft ist die Lüge und das betreibe sie dreist und dumm, könnte man Pitzke paraphrasieren. Ehrlich und aufrecht muss Politik à la Pitzke sein. Aber nicht nur das. Bachmann „hält an ihren Prinzipien fest“, schreibt Pitzke ein wenig widersprüchlich. Aber ist das nicht das, was wir uns von Politikern wünschen, dachte ich mir. Doch halt, Bachmanns Prinzipien sind „absurd“, wie Pitzke erklärend anfügt. „Auch sonst wirft sie oft mit fiktiven Zahlen um sich, verzerrt und verfälscht Realitäten,“ weiß Marc Pitzke. Welche Zahlen das genau sind, erfährt der geneigte Lese nicht; was verfälscht und verzerrt wird ebenso wenig. Marc Pitzke wird es schon wissen, das genügt Marc Pitzke.
Um zum Ausgangspunkt – Arthur Koestler – zurückzukommen: als ich also morgens in der einen Hand Koestler, mit der anderen durch das deutsche Internetangebot surfend, Koestlers Buch las, fiel mein Blick auf ein paar Zeilen, die Pitzkes Weltbild so herrlich auf den Punkt brachten, dass ich zum Schluss Arthur Koestler selbst zu Wort kommen lassen möchte. In einem Vergleich zwischen angelsächsischem und deutschem Journalismus fasst Koestler zusammen, warum seiner Meinung nach deutsche Schreiberlinge so schreiben, wie sie schreiben, und warum deutsche Leser oftmals wollen, dass Pitzkes schreiben wie sie schreiben. Die Folgen waren (und sind) verheerend, so Koestlers wohl nicht ganz falsche Einschätzung:

‚Facts,‘ a famous German editor said, ‚are not fit for the reader when served raw; they had to be cooked chewed and presented in the correspondent’s saliva.‘ Fed on this kind of diet, the German reading public never developed an empirical approach to world affairs; it never learnt to face the facts and weigh the evidence. Its approach to reality was distorted by Weltanschauung; and the more you become addicted to Weltanschauung, the easier you are swept off your feet. […] Their [i.e. Koestler’s editors] papers were the most staid and respectable journals in Central Europe; so the fault was not entirely my own but shared by a culture which was rapidly losing touch with reality. The demand for gingerbread and purple patches was determined by the same mentality which, a few years later, wallowed in the turbid flow of Nazi mystique.


4 Antworten auf „New York, Koestler und ich“


  1. 1 Francis F. 15. August 2011 um 21:20 Uhr

    du hättest wohl besser noach Iowa gehen sollen, dort gibt es sicher einen Haufen guter Bücher!

  2. 2 Kevin 15. August 2011 um 21:51 Uhr

    @Francis F. Früher sagte man, geh doch in den Osten, Kommunist. Die Verbannung für Leute, die Marc Pitzkes Meinung nicht teilen, ist also Iowa. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen

  3. 3 Kaspar 16. August 2011 um 19:57 Uhr

    Gefaellt mir gut der Blog. Tolle Themenwahl.

  4. 4 Andi 17. August 2011 um 11:29 Uhr

    Denk ich an Spiegel Online in der Nacht, so…

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