Archiv für September 2011

Der beteiligte Beobachter

Jeder, der sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, stößt über kurz oder lang auf das Völkerrecht. Dieses, so heißt eine gängige Mär, gebe einerseits den Palästinensern eindeutig Recht und würde andererseits von Israel permanent verletzt. So einfach ist es natürlich nicht, aber auch das Völkerrecht ist anfällig für Verzerrungen und Unwahrheiten, ein Umstand, den sich Israelfeinde zu nutze machen, um dem jüdischen Staat zu schaden, wo sie nur können. Im Englischen hat sich hierfür seit einigen Jahren der Begriff ‚lawfare‘ etabliert, ein Neologismus aus den Worten ‚law‘ (Recht/Gesetz) und ‚warfare‘ (Kriegsführung). In Anlehnung an Carl von Clausewitz‘ berühmten Ausspruch könnte man sagen, dass hierdurch die Rechtsprechung zu einer bloßen Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln wird. Die angestrebte Anerkennung eines palästinensischen Staates durch die Vereinten Nationen verleiht dieser Art der Kriegsführung eine neue Dimension. Was genau ist diese neue Dimension, welche Veränderungen bezüglich des ‚lawfare‘ könnten in der nächsten Woche eintreten und welche Strategie verfolgt die palästinensische Führung hierbei?

Diese Fragen lassen sich durch einen Blick in einen Artikel von Mahmoud Abbas, der Anfang Mai in der New York Times erschienen ist, beantworten. Seine Intentionen beschreibt er hierin ganz genau. So präsentiert er in diesem Beitrag nicht nur seinen verzerrten Blick auf die Geschichte des Nahostkonflikts, bezeichnender sind die Passagen, in denen er sich über die Folgen eines solchen Staates äußert. Darin zeigt sich, dass es ihm nicht nur um die Schaffung eines Staates Palästina geht, sondern ein weiteres, vielleicht wichtigeres Ziel des Gangs zu den Vereinten Nationen ist, eine Aufwertung des völkerrechtlichen Status der Palästinenser zu erlangen, um die Möglichkeit zu erhalten, Israel von nun an mit den Waffen des Völkerrechts zu bezwingen. (mehr…)

Der Ernst des Lebens

Ein Blog sollte auch dazu da sein, das Leben des Schreibenden zu dokumentieren und zur Schau zu stellen. Deshalb will ich mich auch einfach mal etwas Banalem, nämlich meinem Leben widmen. In den letzten Tagen fand ich nicht die Zeit, um mich für einen Text hinzusetzen. Zum einen hing das damit zusammen, dass ich fleißig war und meinem eigentlichen Aufenthaltsgrund hier in New York nachgegangen bin, das heißt ich verbrachte die letzten Tage in der Bibliothek mit dem Schreiben der ersten Kapitel. Der Abstand von Deutschland und die Situation, in der ich mich nicht ständig ablenken kann, haben sehr dazu beigetragen, dass ich heute ganz zufrieden auf die Woche zurückblicke. Zum anderen hängt das Schreiben von Texten für den Blog immer auch von einer gewissen Inspiration ab. Anders als das Schreiben der Dissertation, wo die anfängliche Inspiration, so langsam einem routinierten Verschriftlichen des Materials weicht/weichen sollte. Das muss natürlich nicht eine übernatürliche Quelle sein, es braucht einen Gedankenblitz, der einem eine Idee gibt oder die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Frage lenkt. In dieser Woche habe ich gemerkt, dass dieser Blitz sich nicht einstellt, wenn man sieben Stunden pro Tag über der Dissertation hängt und im Anschluss gegebenfalls noch einen Philosophie workshop besucht, in dem viel, aber doch wenig gesagt wird. Die anderthalb Stunden Hin-und Rückfahrt zur Bibliothek fügen dann noch ihr Übriges zur Erschöpfung und dem ausbleibenden Gedankenblitz hinzu. So sitze ich also in meiner freien Zeit lieber in einem Café oder in einer Kneipe, statt mir einen Kopf über den nahenden Weltuntergang oder zumindest über ein Thema, das eine gewisse Breitenwirkung haben könnte, zu machen. Doch dann kommt mir auch wieder der Gedanke, dass Menschen, die immer nur über das große Ganze reden und denken müssen, notgedrungen verbittern. In solchen Momenten freue ich mich und zünde mir eine Zigarette an, trinke ein Bier oder einen großen Becher allerfeinsten amerikanischen Brühkaffee, blicke aus dem Fenster auf die Straße, verfolge den Wolkenzug und lese ein gutes Buch. Unsere Lebenszeit ist zu kurz, um zu verbittern, und all die Bitternis, die sich auch bei mir nach einem kurzen Blick in die Tageszeitung einstellt, wird es nicht schaffen, dass dies ein anhaltendes Gefühl werden wird. So verabschiede ich mich in mein Wochenende, wo Gespräche, Bier und das Leben auf mich warten. Nächste Woche wird es wieder ernst, versprochen.

Der Anfang von Obamas Ende

Seit Mitte Juni überwiegt in den Umfragen die negative Einschätzung Obamas bei den amerikanischen Wählern. Vor zwei Wochen befand sich diese auf ihrem negativen Höhepunkt, 53% bewerteten Obamas Arbeit negativ und lediglich 40% positiv. Noch sind es aber vierzehn Monate bis zur nächsten Präsidentschaftswahl, Zeit genug, um das Steuer herumzureißen, könnte man meinen. Vor allem auch weil sich die republikanischen Kandidaten für die Gegenkandidatur bei der Debatte in der letzten Woche teilweise blass, schrill, insgesamt aber eher unfit für die Wahl präsentierten. Gegenwärtig heißt der größte Gegner von Obama eindeutig Obama. Wie zentral diese Komponente für den kommenden Wahlkampf sein wird, zeigt sich dieser Tage in New York. Im 9.Wahldistrikt für das Repräsentantenhaus, der sich über Teile von Queens und Brooklyn erstreckt, findet am 13. September eine Sonderwahl für den Sitz des zurückgetretenen demokratischen Abgeordneten Anthony Weiner statt, der – obwohl verheiratet – seine Freizeit damit verbrachte, Bilder seines erigierten Geschlechtsteils im Internet an fremde Frauen zu verschicken. Weiner war zwölf Jahre Abgeordneter dieses Wahlbezirks, in dem seit 1923 kein Republikaner mehr gewinnen konnte. In den letzten Wahlen 2010 gewann Weiner gegen den Republikaner Robert L. ‚Bob‘ Turner mit komfortablen 60% zu 39% (ohne Gegenkandidat gewann er 2006 sogar mit 100%).

Weiners Rücktritt stellt sich gegenwärtig als eine unverhoffte Chance für die Republikaner heraus, um lokal und national ein Zeichen gegen Obama zu setzen. Der sicher geglaubte Sitz für die Demokraten steht nämlich plötzlich auf der Kippe. Der demokratische Kandidat David Weprin lag Anfang August noch mit 6% vor seinem republikanischen Opponenten Bob Turner, der 2010 gegen Weiner mit über zwanzig Prozentpunkten verloren hatte. In der neuesten Umfrage haben sich diese Umfragewerte in der gleichen Höhe zugunsten von Bob Turner geändert, dieser führt nun in der Wählergunst mit 50% zu 44%. (mehr…)

„Evil Is Real, So Is Courage“

Ein Tag, der ewig bleibt


Ein Freund und ich hatten den Tag am Strand verbracht. Zusammen mit drei weiteren Freunden waren wir nach erfolgreich bestandenem Abitur zu einem wohlverdienten Urlaub ins französische Baskenland aufgebrochen. Wir hatten die Strecke von Deutschland nach Frankreich mit zwei Autos gemeistert, ich, gerade 21 Jahre geworden, mit meinem geliebten VW Polo voll des Gefühls der Freiheit, vor mir eine Zukunft, die vermeintlich offen stand, und man nur zuzugreifen brauchte. Es war ein wunderbares, unbeschreibliches Gefühl. Der Sommer ging damals bereits so langsam dem Ende entgegen, am Strand und in der Feriensiedlung war nicht mehr allzu viel los, wir tranken viel, bräunten unsere Astralkörper und genossen unsere Unschuld. Ich glaube keiner von uns wusste so richtig, wohin ihn der weitere Lebensweg führen würde. Politik war weit weg, ich hatte meine Zeit in der Antifa und bei den Trotzkisten schon abgerissen und mich zunehmend dem Hedonismus gewidmet. Das Leben zu genießen, schien mir eindeutig sinnvoller, als es mit hohlen Phrasen und in heruntergekommenen Jugendzentren zu verbringen. In einem Moment der Sinnsuche hatte ich mir Nietzsches ‚Ecce Homo‘ mit in den Urlaub genommen, ein wortgewaltiges Buch, für das ich zu jung war – was ich damals noch nicht wusste – , das aber nicht besser in diese Zeit hätte passen können.

Dienstag, der 11. September 2001 war jedenfalls ein herrlicher Tag. (mehr…)