Ab Freitag, 19.08 Uhr ist Sonntag oder warum New York anders ist

Mittlerweile bin ich also umgezogen. Vom hektischen, beeindruckenden, beängstigenden Manhattan ins übersichtliche, ruhige und entspannte Brooklyn, genauer nach Midwood. Mit der Q- oder B-Line sind es zwar immerhin mindestens 30 Minuten bis nach Downtown Manhattan, aber ich muss nicht umsteigen, was einem erlaubt auch mal ein Buchkapitel in Ruhe zu Ende zu lesen. Hier in Midwood gehen manche Uhren anders. In meiner direkten Umgebung sind ca. 80 % der Einwohner chassidische Juden, größtenteils Anhänger der Chabad-Bewegung. Das ist dann in der Tat eine andere Welt als im kosmopoliten Manhattan. Hier tragen die Frauen dunkle Röcke und oftmals Kopftücher oder auch Perücken; die Männer eine Kippa, Anzüge und Feroda und Quasten, viele Ladenschilder sind auf hebräisch und ab und an hört man es auch in Unterhaltungen. Jeder Lebensmittelladen kann ein Koscher-Zertifikat vom Rabbinat vorweisen, nicht nur jüdische Läden, sondern auch Dunkin Donuts oder Walgreens sind ausgewiesen koscher. Die Woche beginnt somit hier nicht am Montag, sondern am Sonntag. Um viele Häuser sind Fäden gespannt, die einen sogenannten Eruv kennzeichnen, der bestimmte Regeln für den Sabbat innerhalb des eingegrenzten Raums außer Kraft setzt. In fast allen Läden auf der Haupteinkaufsstraße, der Avenue J, kann man in den Schaufenster auch ein Schild finden, auf dem der genaue Zeitpunkt des Sabbatbeginns verkündet wird. Letzte Woche war das genau um 19.08 Uhr. Nach dem Beginn des Sabbats sind die Straßen wie leer gefegt. Aber die Religiösität der ultraorthodoxen Juden nimmt manchmal auch recht bizarre Züge an, so wurde beispielsweise ein durch den Hurrikan Irene umgestürzter Baum als ein Akt Gottes interpretiert. Soviel also zu meinem neuen Viertel.

Am Sonntag habe ich dann einen kleinen Ausflug zum Strand gemacht. Das Wetter ist gegenwärtig noch entsprechend, obwohl sich bereits das Ende des Sommers deutlich abzeichnet. Der Strand in Brighton Beach ist lediglich fünf Bahnstationen entfernt, quasi um die Ecke also. Ein sehr schöner, großzügiger Strand, eine breite Promenade und wirklich sauber. Es war ein wunderbarer Tag, das Meer blau genauso wie der Himmel. Mir fehlten ein wenig die Strandcafés, wo man in Ruhe einen Café schlürfen, ein gutes Buch lesen und auf’s Meer blicken kann. Dafür aber gibt es zahlreiche russische Restaurants. Und erst danach fiel mir auf, dass fast ausschließlich alle Läden und Restaurants russische Schilder haben und Russisch hier offenbar die Hauptverkehrssprache ist. Ein interessanter Kontrast zu Midwood, eine ganz andere Welt, und das nur wenige Blocks entfernt.

Den heutigen Labor Day wollte ich eigentlich im Prospect Park verbringen. Obwohl Regen angekündigt war, blieben wir von diesem das ganze lange Wochenende verschont. Als ich an der Haltestelle ‚Prospect Park‘ ausstieg, merkte ich gleich, dass ziemlich viel Polizei anwesend war. Nachdem ich aus der Metro-Station auf die Straße trat, sah ich viele bunte, verkleidete Menschen. Ich hatte heute bereits in den Nachrichten gehört, dass der West-Indian-American Carnival stattfinden soll – vor allem wurde von einer Schießerei zu Beginn des Karnevalzugs berichtet – hatte aber vergessen, dass er just an diesem Ort stattfand. Der Park war sowieso geschlossen, weshalb ich mich dazu entschloss, mir die Karnevalsparade anzusehen. Es war ein buntes, lautes und sehr fröhliches Treiben. Allerlei Essensstände versorgten die Menschen mit Spezialitäten aus der Karibik – für mich als Vegetarier war da leider nichts dabei –, jede Karibik-Insel war durch einen eigenen Lastwagen vertreten auf dem Musik gespielt wurde und Menschen tanzten. Die Nachrichten sprachen von über zwei Millionen Besuchern, ich kann zumindest sagen, es war ziemlich viel los. Insgesamt ein überaschend schönes Erlebnis, das eine weitere Facette zum kulturellen Pluralismus New Yorks hinzugefügt hat. Hier muss ich aber noch anfügen, dass offensichtlich ‚weiße‘ New Yorker am Karneval wenig Interesse fanden, ich war da teilweise sehr alleine auf weiter Flur, was aber eher ein interessantes als ein komisches Gefühl war.

So geht das lange Wochenende also mit vielen verschiedenen Eindrücken zu Ende. Auch wenn ich oft immer noch von der Stadt überfordert bin, sind es besonders diese Momente, die diese Stadt zu einem Faszinosum machen. Und obwohl Little Italy oder die jüdischen Viertel in der Lower East Side schon eine Weile nicht mehr existieren, gibt es immer wieder Ecken, an denen die Vielfalt der Welt auf ein Neues in dieser Stadt weiterlebt. Was Kallen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts als kulturellen Pluralismus beschrieben hat, funktioniert ganz ähnlich immer noch, und macht den Charakter dieser Stadt aus. Es sind diese Augenblicke, in denen ich merke, wie weit die ‚American Idea‘, die auf dem Recht, anders zu sein, aufbaut, von Europa entfernt ist. Diese Vorstellung von einer Gesellschaft der Freien und Unterschiedlichen ist eine Grundvoraussetzung für eine offene Gesellschaft. Natürlich muss sich die offene Gesellschaft gegen alle Freiheitsfeinde verteidigen können, mir scheinen aber die Invektive gegen die kulturelle Vielfalt – trotz aller anderslautender Beteuerungen – ein Unverständnis und auch eine Abneigung gegen freie Gesellschaften an sich zu offenbaren. Menschen mit dieser Haltung möchten sich nicht den Herausforderungen stellen, die eine liberale und offene Gesellschaft immer mit sich bringt, weil sie eben offen und frei ist. Gut, das können sie, aber das Wort Freiheit dann noch im Munde zu führen, halte ich für Blasphemie. Um mein Dissertationsobjekt einmal mehr hierzu anzuführen: Kallens philosophische Devise lautete, „hope without illusion“. Diese Haltung fehlt leider in weiten Teilen Europas – Illussionen überall: sowohl auf Seiten der kulturalistischen Allesversteher, die in jeder ethnischen Eigenheit, und sei sie noch so gegen den einzelnen Menschen gerichtet, irgendetwas ‚Interessantes‘ finden können, wie bei den kulturalistischen Rettern des judäo-christlichen Abendlands, die in jedem Moslem, gerne auch mal ein ‚Südländer‘, eine Bedrohung ihres geistig-kulturellen Dorfs sehen, die nur noch durch Abschottung und Abschiebung abgewendet werden kann. Europäische Illusionen, die keinerlei Hoffnung versprechen, statt Hoffnung, die auf Illusionen verzichtet. So starte ich in die Woche, in der dem Terror vom 11. September gedacht wird.


2 Antworten auf „Ab Freitag, 19.08 Uhr ist Sonntag oder warum New York anders ist“


  1. 1 Feldheld 07. September 2011 um 15:18 Uhr

    Unser Problem in Deutschland ist nicht der Islam oder Multikulti, sondern der neurotische Selbsthaß der „Eliten“ in Medien, Kultur und Politik. Ein Volk ohne Stolz kann niemals integrieren.

  2. 2 Paul 13. September 2011 um 22:59 Uhr

    @Feldheld, das mag sein, hinzu kommt aber auch die fehlende wirtschaftliche Integration der Ausländer. Diese behindert das Zusammenleben entscheidend. In Amerika ist sie wohl vorhanden.

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