Ein Tag, der ewig bleibt


Ein Freund und ich hatten den Tag am Strand verbracht. Zusammen mit drei weiteren Freunden waren wir nach erfolgreich bestandenem Abitur zu einem wohlverdienten Urlaub ins französische Baskenland aufgebrochen. Wir hatten die Strecke von Deutschland nach Frankreich mit zwei Autos gemeistert, ich, gerade 21 Jahre geworden, mit meinem geliebten VW Polo voll des Gefühls der Freiheit, vor mir eine Zukunft, die vermeintlich offen stand, und man nur zuzugreifen brauchte. Es war ein wunderbares, unbeschreibliches Gefühl. Der Sommer ging damals bereits so langsam dem Ende entgegen, am Strand und in der Feriensiedlung war nicht mehr allzu viel los, wir tranken viel, bräunten unsere Astralkörper und genossen unsere Unschuld. Ich glaube keiner von uns wusste so richtig, wohin ihn der weitere Lebensweg führen würde. Politik war weit weg, ich hatte meine Zeit in der Antifa und bei den Trotzkisten schon abgerissen und mich zunehmend dem Hedonismus gewidmet. Das Leben zu genießen, schien mir eindeutig sinnvoller, als es mit hohlen Phrasen und in heruntergekommenen Jugendzentren zu verbringen. In einem Moment der Sinnsuche hatte ich mir Nietzsches ‚Ecce Homo‘ mit in den Urlaub genommen, ein wortgewaltiges Buch, für das ich zu jung war – was ich damals noch nicht wusste – , das aber nicht besser in diese Zeit hätte passen können.

Dienstag, der 11. September 2001 war jedenfalls ein herrlicher Tag. Wir gingen zu zweit an den Strand, weil die anderen vom vorangegangen Abend noch ein wenig angeschlagen waren. Es war heiß, das Meer war angenehm kühl, der Himmel strahlend blau und auf unserer Rückfahrt am frühen Nachmittag zu unserem Haus blies der Wind angenehm durchs nasse Haar. Weil wir nicht ganz von deutschen Nachrichten abgeschnitten sein wollten und ich damals die Vorstellung hatte, mich durch die Lektüre überregionaler Zeitungen irgendwie auszeichnen zu müssen, machten wir auf unserer Heimfahrt noch an einem Zeitschriftenladen halt, damit ich mir die FAZ kaufen konnte. Als wir im Laden die Zeitung bezahlen wollte, merkte ich sofort, dass die Verkäuferin vollkommen außer sich war. Mein Französisch war trotz der baden-württembergischen Schulbildung nicht sonderlich gut, aber mir werden die Worte für immer im Gedächtnis bleiben: „Les tours se sont effondrées!“ – die Türme sind eingestürzt. Mir war damals sofort klar, was sie meinte, nicht irgendwelche Türme, sondern die Twin Towers des World Trade Center. Heute scheint es fast vergessen, welche Symbole die Türme bis dahin gewesen waren, wie sie für all das standen, was Amerika verkörperte, wie sie unsere Zeit repräsentierten. Das war ja der perfide Grund, warum Al Qaida sich diese als Hauptangriffsziele aussuchte. Aber noch hielt ich es für weniger schlimm, für ein Missverständnis, für eine Nachricht, die sich am Ende als ganz anders herausstellen würde, zumindest gingen wir nicht von einem solchen Terroranschlag aus. Was ich später als „Ende der Geschichte“ kennenlernen sollte, hatte ich in den letzten Jahren erlebt, die 1990er waren unbeschwerte Jahre gewesen – trotz oder wegen meiner jugendlichen Rebellion –, frei von der „Angst“, die sich bei mir nach den Terroranschlägen einstellen und mich irgendwie nie mehr wirklich verlassen sollte. Menschen- und Menschlichkeitsverächter, die ihren Opfern vor laufender Kamera den Kopf abtrennen, waren für uns noch unbekannt und undenkbar, islamische Fanatiker, die Flugzeuge in Hochhäuser steuern, unvorstellbar.

Nachdem wir also – aufgrund der schieren Unvorstellbarkeit des Verbrechens – noch scherzend in unserer Ferienwohnung eintrafen, ich meine mich sogar zu erinnern, dass wir ohne es zu wissen über die Möglichkeit eines Anschlags sprachen, empfingen uns unsere Freunde mit blassen Gesichtern. Während wir im Atlantik badeten, hatten sie die Geschehnisse vor dem Fernseher verfolgt. Beim Anblick der Flugzeuge, die immer und immer wieder in die Hochhäuser flogen, der Menschen, die staubverklebt die Straßen hochrannten, und der Fassungslosigkeit der Reporter schnürte es mir die Kehle zu. Ich rief meine damalige Freundin, die in Griechenland im Urlaub war, an, sie wusste noch nichts; ich rief meinen Vater an. Ich sah einen Mann auf der Nachbarterrasse, der aufgeregt mit Deutschland telefonierte. Wir saßen vorm Fernseher. Und immer und immer wieder flogen diese Flugzeuge in die Hochhäuser. Und immer noch verstanden wir nichts. Die Zeit des omnipräsenten Internets war ebenfalls noch nicht angebrochen, so dass wir uns auf Fernsehen und Telefon verlassen mussten. Die restliche Zeit in Frankreich – wir waren wohl weitere zwei, drei Tage dort – sind komplett aus meinen Erinnerungen verschwunden, ich weiß nicht mehr was wir machten, wie oft und ob wir am Strand waren und wie wir heimkamen.

Irgendwann fuhren wir jedenfalls zurück und ich wusste, dass es eine andere Heimat sein würde, in die ich zurückkehre, dass die Welt eine andere ist. Denn an jenem Dienstag, dem 11. September 2001, endet etwas. Es endete meine Jugend, was ich aber erst heute vollständig begreife. Damals begann die große Verwirrung, die Suche nach Antworten, das Taumeln ins neue Jahrtausend. Ich bin froh, dass ich mich damals nicht sofort politisiert habe, ich musste mich auch nicht von linken Freunden trennen, das hatte ich schon Jahre zuvor getan, ich befürwortete den Afghanistan-Einsatz aus den gleichen Gründen, aus denen ich ihn auch heute noch gut heiße. Andererseits war ich nicht frei von antiamerikanischen Ressentiments, das ist mir heute klar, und ich bewundere alle, die damals den Weitblick besaßen, dem deutschen Zeitgeist entgegen traten und die wussten, dass wir uns auf einer abschüssigen Ebene befinden. Für jemanden wie mich, der nach ausgiebigen Erfahrungen in der Linken mit Politik nichts mehr am Hut haben wollte, der aber dennoch auf jedem Kanal, zwar vorsichtig, aber stetig anschwellend, immer wieder hörte, wie die amerikanische Opfer zu den eigentlichen Tätern gemacht wurde, war es nicht leicht, sich eine davon unabhängige Meinung zu bilden. Ich gebe es unumwunden zu. Es bedurfte noch einige Zeit, bis ich mir den dafür nötigen Abstand erkämpft hatte. Und mit der schließlich gewonnenen Distanz stehe ich heute noch einsamer da als ich es wohl damals bereits gewesen wäre. Denn tatsächlich hatten diese grausamen Verbrechen in New York, Washington und in Shanksville ein „failure of nerve“ in der westlichen Welt und insbesondere in Deutschland zur Folge. Anfang des 20. Jahrhunderts verwendete der britische Intellektuelle Gilbert Murray diesen Ausdruck, um damit eine grundlegende Veränderung im Denken von den antiken Griechen zu den frühen Christen zu bezeichnen. Er fasste diesen Wandel folgendermaßen zusammen:

Es handelt sich um eine Zunahme des Asketentums, des Mystizismus, in einer gewissen Weise auch des Pessimismus; um einen Verlust der Selbstsicherheit, der Hoffnung auf dieses Leben und des Vertrauens in normale menschliche Anstrengungen; um ein Verzweifeln an geduldiger Forschung, um einen Schrei nach unfehlbarer Offenbarung; um eine Gleichgültigkeit gegenüber der Wohlfahrt des Staates, um eine Neudefinition der Seele als Gott. Es handelt sich um eine Atmosphäre, in der das Ziel des guten Menschen nicht so sehr ein richtiges Leben ist, die Gesellschaft, in der er lebt, zu unterstützen, die Hochachtung seines Mitmenschen zu genießen; sondern vielmehr, durch einen brennenden Glauben, durch die Verachtung der Welt und ihrer Standards, durch Ekstase, Leiden und Martyrium eine Begnadigung für seine unsägliche Unwürdigkeit, seine unermesslichen Sünden zu erlangen. Es gibt eine Zunahme bestimmter spiritueller Emotionen; eine Zunahme der Empfindlichkeit, ein Versagen der Nerven.

Eine so präzise Zustandsbeschreibung des deutschen Geistes im 21. Jahrhundert findet man nicht so oft. Der außerweltliche Mystizismus in Murrays Verständnis (für ihn ging es um Religion) hat sicherlich in Europa nicht zugenommen, aber in einer weitergehenden Definition trifft dies doch zu, genauso wie die grassierende Unfähigkeit ein diesseitiges Glück überhaupt noch zu formulieren, in Europa scheint die Apokalypse allgegenwärtig, ebenso kann man eine Abnahme in der Vernünftigkeit öffentlicher Diskurse feststellen, die es so zum letzten Mal vielleicht wohl vor 70 Jahren gab, aber vor allem kann man ein fast schon unerträgliches Maß an Weltverachtung und Selbstgeiselung beobachten, was sich nur aus dieser Theologie der „unsäglichen Unwürdigkeit“ des menschlichen Lebens hier und jetzt erschließen lässt. Natürlich kann man das für viele gesellschaftliche und politische Bereiche ausführen, aber bezüglich des 11.09. ist wohl das folgenschwerste Ergebnis des europäische „failure of nerve“ die standhafte Weigerung, den Islamofaschismus überhaupt als Problem zu erkennen und zu benennen. Und in diesem Kontext fällt mir dann auch wieder Nietzsches ‚Ecce Homo‘ ein. Eine Stelle, die ich mir damals in Frankreich markierte, trifft heute noch genauso zu wie zu Nietzsches Zeiten:

Die Guten – die waren immer der Anfang vom Ende. Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.

Denn sie wüteten und wüten weiter, die Guten, verhöhnen die 3000 Ermordeten, machen die Unschuldigen, die in ihrer Verzweiflung aus Fenstern, hunderte Meter über dem Boden, sprangen, zu „kleinen Eichmännern“, zucken mit den Schultern, wenn islamistische Extremisten Mädchenschulen anstecken und Schwule erhängen, sie blicken ‚kritisch‘ auf Israel und vergießen keine Träne, wenn Juden die Hälse aufgeschlitzt werden. In der Tat, erst der Schaden, der durch die Guten verursacht wird, wird den islamistischen Welt-Verleumdern der Boden bereitet.

Doch, wie geschrieben, an jenem herrlichen Spätsommertag, der im Schrecken endete, wusste ich davon noch nichts. Ich merkte nur, dass ich von nun an nicht mehr der sein kann, der ich bis dahin gewesen war, ich wusste, dass meine Jugend an ein Ende gekommen und ich auf einmal erwachsen war. Zehn Jahre später bin ich just an dem Ort, wo die Flugezeuge immer wieder in die Hochhäuser flogen, weit weg von deutschen Befindlichkeiten, die darüber spekulieren, ob man sich beim Tod eines Massenmörders freuen darf oder – durch Steuergelder finanziert – ob die Anschläge nicht doch irgendwie von der amerikanischen Regierung organisiert wurden. An diesem Tag nicht in Deutschland sein zu müssen, ist eine Erleichterung. Am Sonntag werde ich jedenfalls auch an den fernen Spätsommertag zurückdenken und der vielen Menschen, die von den Welt-Verleumdern feige ermordet wurden, gedenken. Kein Vergeben, kein Vergessen.


13 Antworten auf „Ein Tag, der ewig bleibt“


  1. 1 Mr. Moe 09. September 2011 um 9:42 Uhr

    Sehr interessanter, bewegender und reflektierender Text!

  2. 2 Fred 09. September 2011 um 20:14 Uhr

    Guter Text, aber das Gedudel zur Dubya-Rede ist unerträglich!

  3. 3 Kevin 09. September 2011 um 20:39 Uhr

    Tja man kann’s nicht jedem recht machen. Muss ja zuerst einmal mir gefallen. Und ich finde immer noch, dass die Musik meine damalige Stimmung sehr gut trifft, darum gehts.

  4. 4 Martin 09. September 2011 um 21:24 Uhr

    Danke! Ein Artikel, der mir in vielem aus der Seele spricht!

  5. 5 TN 09. September 2011 um 23:07 Uhr

    Ein guter Artikel, der mir, als jemand, der an diesem Dienstag Morgen alles vor Ort miterleben musste, aus der Seele spricht.

    Allerdings möchte ich in einem Aspekt widersprechen: vor dem 11. September 2001 waren die Twin Towers eigentlich überhaupt nicht symbolträchtig, sondern wurden von den meisten New Yorkern als hässliche, überproportionierte und kalte Kisten betrachtet, die in einem synthetischen, relativ unbelebten und langweiligen Stadtteil standen. Das Aufladen mit Bedeutung kam eigentlich erst im direkten Anschluss an die Tragödie, wo man dann plötzlich merkte, wie sehr man sich an sie gewöhnt hatte und wie sehr sie jetzt in der Skyline fehlten.

  6. 6 Jens 09. September 2011 um 23:38 Uhr

    Niemand wird das vergessen können und vergeben könnten höchstens die Angehörigen der Toten.
    Ansonsten ratio ade, auch nichts anderes als schwarz/weiß Malerei, nur das weiß diesmal schwarz ist .
    Hallo – Krieg in Afganistan und Irak, Drohnen in Pakistan – als Antwort auf ein WARUM? Die einzige Möglichkeit ? Als der letzte große „Feind(Ostblock)“ bezwungen wurde, ist nicht eine
    Bombe gefallen? Aber was mussten sich die Wegbereiter der Entspannungspolitik , die am Ende zum Fall des Ostblock führte, nicht alles anhören. Ich glaube, das wurde alles vergessen, ganz schnell in Wochen nach dem Mauerfall. Leider !

  7. 7 Kevin 10. September 2011 um 0:11 Uhr

    @ TN: Wie die New Yorker die Türme empfunden haben weiß ich natürlich nicht. Ich weiß aber sehr wohl, dass sie insofern symbolträchtig waren, als dass sie in jedem Film über und in New York zu sehen waren, dass sie bei jedem Bild der Skyline herausstachen und deshalb das Bild New Yorks geprägt haben. Es mag sein, dass New York wahrscheinlich noch symbolträchtiger ist, aber New York ohne die Türme gab es (für mich) bis 2001 einfach nicht.

  8. 8 Freidenker 10. September 2011 um 1:36 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch sowohl zu diesem Artikel als auch zum erfolgreichen Übertritt ins Erwachsensein!
    Auch bei mir führten die Ereignisse des 11.September dazu,dass aus bislang diffus vorhandenem Unwohlsein bezüglich des Islam (manche würden es „Vorurteile“nennen) eine sehr kritische Haltung sowohl dem Islam gegenüber als auch den ihn hierzulande verharmlosenden Medien und Politikern heranwuchs.
    Und nochmals Glückwunsch für die Distanzierung vom Linksradikalismus,der bei Einschaltung des eigenen Verstandes als das wahrgenommen wird,was er in Wirklichkeit ist,nämlich als der Faschismus des 21. Jahrhunderts.

  9. 9 Danny Wilde 10. September 2011 um 11:00 Uhr

    Superblog, großartiger Artikel! Mal wieder ein erstklassiger Link von der großen Achse!

    Alles, alles erscheint wieder vor Augen.

    In jenem Jahr war ich eine knappe Generation weiter als Sie, feierte Ende August im eigenen Garten eine euphorische Party, die 40. Geburtstage meiner selbst und der besten Freundin meiner Frau, zwei große und interessante Freundeskreise aus aller Welt im sommerlich heißen sonnigen Garten einer Ruhrgebietsstadt.

    Eine Soul- und Funk-Band rockte alle in Exstase, und eine mehr als heftige Bowle verbreiterte das allgegenwärtige glückliche Grinsen.

    Ich war 2 Jahre zuvor Vater geworden, meine Frau und ich hatten das alte Familienhaus aus vielen existenzbedrohenden Wirren geführt und gemeinsam hatten wir die ersten Klippen der beruflichen Selbständigkeit umschifft, erfolgreich.

    Auf diesem Fest waren, um Sie zu zitieren, nicht nur wir voll des Gefühls der Freiheit, vor uns eine Zukunft, nach der wir bereits gegriffen hatten: Alle standen an einem Wendepunkt, hatten etwas geschafft, blickten gespannt, bereit und voller Tatendrang nach vorne.

    Nach weiteren 2 Wochen Arbeit fuhren wir dann nach Südfrankreich, wo wir seit Jahren in einem mondänen Städtlein die Ferien verbrachten.

    An den 11. September erinnere ich mich nicht mehr. Wir hatten keine Handys mit, das TV aus und wir waren uns selbst genug.

    Aber an den 12.

    Ich musste aus irgendeinem Grunde in das Büro unseres Immobiliers gehen, und auf seiner Theke lag der Nice-Matin mit den einstürzenden Türmen über der kompletten Doppelseite, vertikal.

    Der sehr junge und außerordentlich eloquente, dazu nette Makler (der sonst auch millionenteure Villen verkaufte und eine Rolex trug) kommentierte dieses Titelbild auf meinen fassungslosen Blick hin mit: „Enfin!“, grinsend. Es war ein sehr böses Grinsen.

    Auch ich kann mich an nichts davor und danach erinnern – stolperte ich vor Entsetzen heraus? Ich weiß es nicht mehr.

    Auch nicht, wie lange unsere Ferien dauerten, was wir taten – alles weg. Nur: „Enfin!“.

    Auch die Franzosen, nicht nur wir Deutschen. Auch die Franzosen, und die ganz besonders, entwickelten dieses dreckige kleine Gefühl des Ressentiments, welches sich im öffentlichen Diskurs des vergangenen Jahrzehnts zu offenem Hass steigerte, gegen das Land, das das Recht auf individuelles Glück in seiner Verfassung garantiert.

    Fette amerikanische Aufwiegler, die sich als intellektuelle Filmemacher feiern lassen, lieferten dann in Europa die Erste-Hand-Legitimation für den eigenen bösen Blick auf das „kranke System“, welches zur Projektionsfläche aller enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Ideale wurde: das kranke System war schuld, und das kranke System war entweder der Kapitalismus, Amerika oder Israel (aka die Juden). Oder halt alles zusammen, und nun hatte es bekommen, was es verdiente! Enfin!

    Wenn Sie den 11. September 2001 als das Ende Ihrer Jugend und Ihrer Unschuld begriffen hatten, so hatten wir 20 Jahre Älteren begriffen, dass es der Ende aller Unschuld war. Und dass unsere in vollkommenem Glück zelebrierte Geburtstagsfeier die letzte dieser Art war.

    Interessanterweise war nämlich nach 1989 und dem Aufwachsen in den 70er und 80er Jahren (was eine andere Geschichte ist, aber mit den todstarrenden Rüstungsblöcken zu tun hat und damit, dass man als junger und leidenschaftlich gegen „Pershing“ demonstrierender Mensch dieser Generation WUSSTE, nicht alt zu werden, sondern früher oder später im Atomblitz zu verglühen), es war nach 1989 tatsächlich ein Zustand neuer Unschuld entstanden; irgendwie begannen alle, nach 45 Jahren die Schrecken des WW2 und des Naziterrors von sich abzustreifen und willens zu sein, ein freiheitliches Leben dem ideologischen vorzuziehen.

    Und wir waren alle um die 40, alive and kicking, erfolgreich, und vor allem nicht tot! Welch ein herrliches Lebensgefühl, sich dermaßen geirrt gehabt zu haben!

    2001 war ich noch eine knappe Generation weiter als Sie, 2011 sind all diejenigen, welche die Bedeutung dieses Schreckens verstanden haben, gemeinsam um Jahrzehnte gealtert und im selben Boot.

    Nur so ist zu erklären, dass ein 31-jähriger einen Artikel schreiben kann, der einem 50-jährigen bis ins Mark fährt.

    Mi casa su casa, oder anders, Ihr letzter Satz ist auch der meine:

    Kein Vergeben, kein Vergessen.

  10. 10 quisa 10. September 2011 um 14:59 Uhr

    Viele Menschen laden derzeit auf Facebook ein Bild des WTC hoch, um an das grausame Verbrechen, dem Anschlag vom 11.09.2001 ,zu erinnern.
    Es ist richtig, dies zu tun. Sinnlose und Grausame Verbrechen wie der Anschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001 dürfen nicht in Vergessenheit geraten und daher sollte man den Opfern gedenken.
    Ich werde an diesem Wochenende auf Facebook dennoch ein Bild hochladen, dass an ein anderes grausames Verbrechen erinnert, welches bereits fast komplett in Vergessenheit geraten ist: Der 11. September 1973 in Chile. Ich werde das Bild von Salvador Allende hochladen, dem damals frei gewählten Präsidenten, der durch die Militärjunta um Augusto Pinocchet gestürzt und ermordet wurde. Es soll an die Tausenden von Todesopfer erinnern, die im Rahmen dieses Militärputsches ermordet und gefoltert wurden.
    Gerne vergessen wird auch, dass diese Militärjunta im Westen als freiheitliche Kraft und ein Bollwerk gegen den Sozialismus gefeiert wurde. Löblich erwähnt wurden in dieser Zeit vor allem die wirtschaftlichen Liberalisierung, die durch die Militärjunta herbeigeführt wurden, lange ignoriert stattdessen die Verbrechen. Noch weniger gerne erwähnt wird die Tatsache, dass dieser Militärputsch umfassend vom Westen unterstützt wurde. Daher vielleicht auch das Vergessen.
    Auch dieses grausame Verbrechen aber darf nicht vergessen werden, weshalb ich mich freuen würde, wenn auch möglichst viele ein Bild von Salvador Allende hochladen, um den Opfern zu gedenken.

  11. 11 Feldheld 10. September 2011 um 22:45 Uhr

    Das Nietzsche-Zitat paßt wie von ihm gewohnt wie die Faust aufs Auge.

    Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen 11.9., ich saß im Auto, auf der Stadtautobahn unterwegs zu einer Nachhilfeschülerin und hörte es im Radio. Beklemmung, Entsetzen, instinktiv war mir klar, daß ab heute eine andere Sonne vom Himmel scheinen würde. Ich schaute in die anderen Autos und malte mir aus, was die anderen jetzt empfinden würden. Und fuhr besonders vorsichtig.

    Mitten in der Nachhilfestunde kam die Mutter der Schülerin ins Zimmer und teilte mit, daß die Türme eingestürzt waren, „die sind weg, einfach weg“ wie sie fassungslos mehrmals wiederholte.

    Später fuhr ich zum Hauptbahnhof, dort war damals in den Eingangshalle ein großer TV-Screen, davor eine Menschenmenge wie sonst nur bei Fußballweltmeisterschaften. Viele hatten Tränen in den Augen. Überraschend viele.

    Die andere, beschämende Seite Deutschlands lernte ich in den Tagen und Wochen danach kennen, im Kreis von Verwandten, Freunden, Kollegen und vor allem in Internetforen. Noch 10 Jahre zuvor hatte ich mich selbst als „kulturellen“ Antiamerikanisten gesehen (und mir darauf irgendwie was eingebildet). Nach 9/11 fand ich mich plötzlich als Teil einer Minderheit wieder, die ohne wenn und aber auf der Seite der USA stand.

    Leider hat 9/11 den Schlaf der Vernunft nur kurz gestört. Irrationalismus und Gutmenschentum sind im Westen heute stark wie selten zuvor. Außer in den USA und ein kleines bischen in GB gibt es im Westen so gut wie nirgends eine nennenswerte öffentliche Opposition gegen den Konsens der Bescheuerten, welcher die öffentliche Meinung und die Politik dominiert.

  12. 12 Jennifer Nathalie 11. September 2011 um 15:27 Uhr

    In der Tat: Ein brillanter und kluger Text, mit der beste, den ich bislang von dir gelesen habe.

    Für mich stellt sich der von dir erwähnte Prä-/Post-9/11-Vergleich zwar nicht, da ich damals gerade mal 10 Jahre alt was. Bis ich das Ganze annährend reflektieren konnte, dauerte es noch ein paar Jahre, aber das latente Gefühl der Angst, das du beschreibst, ist mir wohl bekannt (wobei es, aufgrund mangelnder Vergleichsmöglichkeiten, mehr oder weniger „Normalzustand“ ist).

    In den letzten Wochen habe ich mir nahezu jede 9/11-Doku angesehen (abgesehen vom Truther-Quatsch), die irgendwo lief. Nicht eine einzige war frei von – teils subtilen, teils offensiven – antiamerikanischen Ressentiments. Von den „etablierten Leitmedien“ ganz zu schweigen, die freilich nie über „Gutes“ in Afghanistan oder weitere Gründe für den Irakkrieg berichten, sondern lieber zum 100. Mal Murat Kurnaz, den Kronzeugen deutscher Doppelmoral, zu Wort kommen lassen.
    Und daher bin ich auch froh, dass die Amerikaner vermutlich nicht allzu genau wissen, wie man hierzulande über sie denkt; zumindest wüsste ich nicht, wie ich diese Haltung einem Amerikaner erklären könnte.

  1. 1 Ein Mann, ein Megafon und eine Botschaft « genius loci Pingback am 10. September 2012 um 23:29 Uhr
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