Der Ernst des Lebens

Ein Blog sollte auch dazu da sein, das Leben des Schreibenden zu dokumentieren und zur Schau zu stellen. Deshalb will ich mich auch einfach mal etwas Banalem, nämlich meinem Leben widmen. In den letzten Tagen fand ich nicht die Zeit, um mich für einen Text hinzusetzen. Zum einen hing das damit zusammen, dass ich fleißig war und meinem eigentlichen Aufenthaltsgrund hier in New York nachgegangen bin, das heißt ich verbrachte die letzten Tage in der Bibliothek mit dem Schreiben der ersten Kapitel. Der Abstand von Deutschland und die Situation, in der ich mich nicht ständig ablenken kann, haben sehr dazu beigetragen, dass ich heute ganz zufrieden auf die Woche zurückblicke. Zum anderen hängt das Schreiben von Texten für den Blog immer auch von einer gewissen Inspiration ab. Anders als das Schreiben der Dissertation, wo die anfängliche Inspiration, so langsam einem routinierten Verschriftlichen des Materials weicht/weichen sollte. Das muss natürlich nicht eine übernatürliche Quelle sein, es braucht einen Gedankenblitz, der einem eine Idee gibt oder die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Frage lenkt. In dieser Woche habe ich gemerkt, dass dieser Blitz sich nicht einstellt, wenn man sieben Stunden pro Tag über der Dissertation hängt und im Anschluss gegebenfalls noch einen Philosophie workshop besucht, in dem viel, aber doch wenig gesagt wird. Die anderthalb Stunden Hin-und Rückfahrt zur Bibliothek fügen dann noch ihr Übriges zur Erschöpfung und dem ausbleibenden Gedankenblitz hinzu. So sitze ich also in meiner freien Zeit lieber in einem Café oder in einer Kneipe, statt mir einen Kopf über den nahenden Weltuntergang oder zumindest über ein Thema, das eine gewisse Breitenwirkung haben könnte, zu machen. Doch dann kommt mir auch wieder der Gedanke, dass Menschen, die immer nur über das große Ganze reden und denken müssen, notgedrungen verbittern. In solchen Momenten freue ich mich und zünde mir eine Zigarette an, trinke ein Bier oder einen großen Becher allerfeinsten amerikanischen Brühkaffee, blicke aus dem Fenster auf die Straße, verfolge den Wolkenzug und lese ein gutes Buch. Unsere Lebenszeit ist zu kurz, um zu verbittern, und all die Bitternis, die sich auch bei mir nach einem kurzen Blick in die Tageszeitung einstellt, wird es nicht schaffen, dass dies ein anhaltendes Gefühl werden wird. So verabschiede ich mich in mein Wochenende, wo Gespräche, Bier und das Leben auf mich warten. Nächste Woche wird es wieder ernst, versprochen.


1 Antwort auf „Der Ernst des Lebens“


  1. 1 Claudia Koenig 20. September 2011 um 8:39 Uhr

    o Ich habe die ergiebigsten Ideen schweigend in Gesellschaft von Menschen.
    o und wunderbare Leseerfahrungen in der Berliner S-Bahn auf der taeglichen Fahrt von Charlottenburg nach Adlershof- damals bin ich in eine Art Rilke-Rausch geraten, die Erwerbsarbeit in Adlershof verblasste dagegen bis zur Unkenntlichkeit.
    o ich hätte Lust auf eine Partie Tavli und einen guten Bruehkaffee, aber ich Sitze soeben allein in einem 500 Jahre
    alten Haus in Österreich, tolle Bibliothek, tiefe Regenwolken.
    Virtueller Gruß, Claudia Koenig

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