Archiv für Oktober 2011

Wunschdenken in der besetzten Zone

Seit knapp zwei Wochen wird in New York der Aufstand geprobt. Mehrere hundert Leute haben sich in der Nähe der Wall Street niedergelassen und deren Besetzung ausgerufen. Die Wall Street zeigt sich unbekümmert und geht ihren Geschäften nach, linke amerikanische Medien (und natürlich deutsche Meiungsmacher) stürzen sich hingegen auf das Häuflein Demonstranten, um so den Nachweis zu liefern, dass es endlich eine linke Antwort auf die rechte tea party und die maßlose Macht von Bankern, Großkonzernen und rechten Politikern gibt. Es wird der ganz große Bogen geschlagen, von Griechenland, Tunesien bis nach New York. Aber nach einem kurzen Besuch im Camp, bin ich beruhigt, New York ist weder Athen noch Tunis, und wird es auch nicht werden.

Doch einige Medien hier in den USA werden nicht müde, eine solche Bewegung herbeischreiben bzw. -reden zu wollen. Das öffentlich-rechtliche Radio NPR bzw. die lokale Station in New York, WNYC, überschlägt sich mit angeblichen Erfolgsmeldungen, ebenso die New York Times, CNN und MSNBC. Nicholas Kristof von der Times verglich die Proteste mit denjenigen in Ägypten auf dem Tharir-Platz. Dabei muss selbst Kristof zugeben, dass sich inhaltlich überhaupt keine Überschneidungen finden und sein hanebüchener Verweis, dass es sich sowohl in Kairo wie auch in New York um dieselbe „Kohorte ausgeschlossener Jugendlicher“ handele, die außerdem in der Verwendung von Twitter und anderer sozialer Medien bewandert seien, zeugt hauptsächlich von Kristofs analytischem Unvermögen als von einem klaren Blick auf die Wirklichkeit. Während es den jungen Menschen in Ägypten vor allem um die Grundbedingung für Selbstständigkeit und Wohlstand, also Freiheit, ging und sie deswegen weniger staatliche Restriktionen forderten, scheinen die Besetzer der Wall Street vor allem daran interessiert, mehr Staat zu fordern und führen das Wort Freiheit überhaupt nicht im Mund.
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Impressionen, September 2011

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