Archiv für November 2011

Unter zeitlosen Freunden

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rilke, Herbsttag)

Wie die Zeit vergeht! Mittlerweile sind fünf Wochen ins Land gezogen, ohne dass ich einen weiteren Text verfasst habe. Nicht nur im Alter rinnen einem die Tage davon, die Großstadt tut hier ihr Übriges dazu. New York ist bekanntermaßen die Stadt, die niemals schläft, sie ist aber auch die Stadt, in der eine Stunde so schnell vergeht wie wohl sonst nur an wenigen anderen Orten, sie frißt geradezu die Augenblicke. Das ist wohl das Opfer, welches man entrichten muss, wenn man hier lebt: das Leben wird einfach kürzer, nicht faktisch, aber gefühlt. Sei’s drum, die Tage sind vergangen, der Herbst hat Einzug gehalten in New York und es legt sich langsam die entsprechende jahreszeitliche Melancholie über die Stadt.
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