Unter zeitlosen Freunden

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rilke, Herbsttag)

Wie die Zeit vergeht! Mittlerweile sind fünf Wochen ins Land gezogen, ohne dass ich einen weiteren Text verfasst habe. Nicht nur im Alter rinnen einem die Tage davon, die Großstadt tut hier ihr Übriges dazu. New York ist bekanntermaßen die Stadt, die niemals schläft, sie ist aber auch die Stadt, in der eine Stunde so schnell vergeht wie wohl sonst nur an wenigen anderen Orten, sie frißt geradezu die Augenblicke. Das ist wohl das Opfer, welches man entrichten muss, wenn man hier lebt: das Leben wird einfach kürzer, nicht faktisch, aber gefühlt. Sei’s drum, die Tage sind vergangen, der Herbst hat Einzug gehalten in New York und es legt sich langsam die entsprechende jahreszeitliche Melancholie über die Stadt.

Ein herbstliches Zwielicht, nicht die volle gelbe Sonne des Sommers begleitet mich von nun an durch den Tag. Die Blätter sind bereits vom oktoberlichen Goldbraun ins welke Dunkelbraun des Novembers übergegangen und der Wind wird nicht mehr als kurze Erfrischung willkommen geheißen, er ist der klirrende Schatten, der mir ins Hemd fährt, und mein Mark zu Eis werden lässt. Diese Beschreibung hört sich nicht besonders ansprechend an, dabei ist der Herbst mir wohl die liebste der vier Jahreszeit. Vor allem der Übergang von Sommer zu Winter, dieser Moment, wenn man morgens aufsteht und, ohne auf den Kalender zu schauen, merkt, dass der Sommer zu Ende ist, dass die Leichtigkeit der sonnenerfüllten Tage mit ihrer schwere Hitze unwiderruflich (zumindest bis zum Frühling) der Schwermut der Herbst- und Wintermonate mit ihren langen Nächten und ihrer dunklen Kälte gewichen ist, ist ein Gefühl, das ich so bei keinem anderen Jahreszeitenwechsel empfinde.

Mir gefällt der Herbst insbesondere auch, weil er die Wahrnehmung der Zeit verändert. Die Stadt scheint seit Oktober nicht mehr ganz so hektisch zu funktionieren, immer noch drängen sich die Massen durch die U-Bahn Stationen, aber selbst hierbei geht es ruhiger zu, nicht mehr versucht jeder von Schatten zu Schatten, von Kühle zu Kühle zu huschen. Alles geht langsamer vor sich, zwar werden die Tage von Woche zu Woche kürzer, was einen ja dazu verleiten könnte, die Zeit noch stärker verrinnen zu fühlen, mir geht das aber nicht so. Im Gegenteil, die Dunkelheit, die hierdurch in den Tagesablauf integriert wird und nicht mehr nur den (spät-)abendlichen Unterhaltungen angehört, hat bei mir eher den entgegengesetzten Effekt, sie schafft eine Ruhe und Unzeitlichkeit bereits tagsüber, die, um ein feuilletonistisches Unwort zu verwenden, den Alltag entschleunigt.

Jedenfalls gibt es wohl keine schönere Jahreszeit, um durch die großen New Yorker Parks zu flanieren. Der Central Park ist ja weithin bekannt und bietet durch seine Lage im Herzen von Manhattan natürlich einen besonders starken Kontrast zur Hektik außerhalb des Parks. Alleine schon weil er nur sechs U-Bahn Stationen von meiner Wohnung entfernt ist, gehe ich lieber in den Prospect Park. Dieser ist mit fast 2,5km² der zweitgrößte Park in New York und bietet vieles, was man auch im Central Park findet. Er hat aber einen großen Vorteil, er ist in Brooklyn und so verirren sich nur sehr wenige Touristen hin und auch sonst ist es dort eher ruhiger als in der ‚Stadt‘. Sobald man die Eingangspforte hinter sich hat, befindet man sich in einer anderen Welt, die Hektik, der Lärm, der Dreck und die Menschenmassen sind verschwunden und die Zeit scheint angehalten.

Und gerade zur Herbstzeit ist das Farbenspiel der Bäume eine besondere Freude. Von einigen wenigen noch grünen Blättern, über grelles Gelb bis zu braunen und auch ersten kahlen Bäumen findet man das gesamte Spektrum. Wenn man die Wege entlangschlendert, laufen einem Eichhörnchen auf der Suche nach den letzten vergrabenen Nüssen über den Weg, ein Streifenhörnchen springt über die Straße und Enten und Schwäne bevölkern den einzigen See Brooklyns. Der Prospect Park erscheint auch unter anderem deshalb abwechslungsreicher als der Central Park, weil er hügelig ist. So kann man auf verschlugenen und mittlerweile von Laub bedeckten Wegen den Lookout Hill oder aber den Quaker Hill mit seinem Quäker Friedhof erklimmen.
Es gibt weitläufige Wiesen, zugewachsene Sackgassen und geheimnisvolle Unterführungen. Es ist schlicht ein Ort, der es einem erlaubt, sich einen Nachmittag aus der Stadt auszuklinken, ohne die Stadt verlassen zu müssen. Es ist ein Ort, der von Michael Endes Meister Hora in eine Zeitlosigkeit versetzt zu sein scheint. Weder merkt man, wie viel Zeit man darin verbracht hat, noch ist Zeit eine Kategorie, die einem während eines Besuchs Kopfzerbrechen bereitet. Und man ist mit diesem Gefühl offenbar nicht alleine. Die flanierenden Menschen kümmern sich nicht darum, die tollenden Hunde schon gar nicht und für die Kinder, die sich im herbstlichen Laub vergnügen, scheint Zeit etwas zu sein, über das sie sich erst in zehn Jahren Gedanken machen werden. Im Park bin ich somit unter zeitlosen Freunden.

Wenn nun der Herbst im Park Einzug hält, ist das fallende Laub natürlich ein Hinweis auf die universellen Bedingungen, die außerhalb des Parks gelten, und sich (leider) auch im Park bemerkbar machen. Aber sie stören den utopischen Charakter der Grünanlage nicht, sie sind eher interessante Applikationen, die auf den Park aufgetragen werden, nicht aber sein Fundament erschüttern können. Zumal die herbstliche Langsamkeit nicht grundsätzlich im Widerspruch zur gefühlten Zeitlosigkeit des Parks steht, sie gibt ihr vielmehr eine gewisse Lebendigkeit, die einer reinen Zeitlosigkeit notwendigerweise fehlen müsste. Und so ist der Park auch kein Friedhof, sondern der Ort, an den ich gerne komme, um einen ganz besonderen Teil der Stadt zu erleben, der eben aber immer Teil der Stadt bleibt und nur als ein solcher Sinn macht.


1 Antwort auf „Unter zeitlosen Freunden“


  1. 1 Lars Frankemöller 20. November 2011 um 16:40 Uhr

    Sehr schöner Text!

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