Mitts Moment

Bereits wenige Minuten nachdem am Dienstagabend die Wahllokale für den Primary in New Hampshire geschlossen waren, stand fest, dass Mitt Romney gewonnen hatte. Kurz darauf trat die gesamte Familie Romney – außer Mitt, sind das seine Frau, Ann, seine fünf Söhne und zahlreiche Enkelkinder – auf die Bühne und Mitt Romney hielt eine Rede, die viele Kommentatoren für seine bisher beste hielten. Darin stellte Mitt Romney klar, dass es im kommenden Wahlkampf um zwei unterschiedliche Visionen von Amerika gehen wird. Während Obama Pessimismus verbreite, stehe er für amerikanischen Optimismus und den Glauben, dass es besser werde. Seine Kampagne baue auf den amerikanischen Idealen von ökonomischer Freiheit und einer klaren und unmissverständlichen Außenpolitik auf, so Romney weiter.

In seiner Rede probierte Romney bereits Slogans für den kommenden Wahlkampf gegen den amtierenden Präsidenten aus. Sollte er wirklich die Nominierung erhalten, dann werden wir wahrscheinlich Sätze wie diesen öfters hören: „Dem Präsidenten gehen die Ideen aus. Jetzt fehlen ihm auch die Ausreden.“


Das einzige Mal, dass er in seiner Rede auf seine republikanischen Konkurrenten einging, war, als er Newt Gingrichs letzte Angriffe gegen ihn konterte. Eine für Gingrich arbeiteten Unterstützergruppe, ein so genanntes super PAC, hatte in den letzten Tagen den 20minütigen Dokumentarfilm „When Mitt Romney Came To Town“ im Internet präsentiert, in dem Romneys Karriere beim Finanzinvestor Bain Capital als ein einziger Raubzug gegen amerikanische Arbeiter präsentiert wird. Ironischerweise griff Gingrich damit ein Thema auf, das vor einigen Monaten von der mittlerweile wieder von der Bildfläche verschwundenen „Occupy Wall Street“-Bewegung propagiert wurde.

Damit wollte sich Gingrich für Romneys Attacken in Iowa rächen, von denen Gingrich glaubt, dass sie für seinen enttäuschenden fünften Platz verantwortlich waren. Gingrich, dessen Kampagne finanziell nicht mit Romneys mithalten konnte, erhielt hierfür in den letzten Wochen vom Casino-Milliardär Sheldon Adelson eine Finanzspritze von 5 Millionen Dollar, mit der Gingrich wenn schon nicht gewinnen, so doch zumindest Romney noch möglichst großen Schaden zufügen möchte. Mit dieser emotionalen Überreaktion bestätigt er einmal mehr, warum viele Republikaner Gingrich für ungeeignet halten. Dies zeigen auch die Kommentare von konservativen Journalisten, die Gingrichs Taktik scharf zurückgewiesen haben, gerade weil sie einen ähnlich anti-kapitalistischen Ton anschlägt wie Occupy Wall Street. Fast alle Kandidaten hielten sich in dieser Auseinandersetzung zurück, einzig Ron Paul verteidigte Romney entschieden.

Romney selbst nahm Gingrichs Ball auf und ging in seiner Siegesrede auf dessen populistische Kampagne ein. Er stellte ihn in eine Reihe mit Obama und präsentierte sich als die ideologische Alternative: „In den letzten Tagen haben wir einige verzweifelte Republikaner gesehen, die sich Obama anschließen. Das ist ein großer Fehler für unsere Partei und unsere Nation. Unser Land hat bereits ein Oberhaupt, das uns mit der verbitterten Politik des Neids spaltet. Wir müssen eine alternative Vision anbieten. Ich bin bereit, einen anderen Weg zu weisen, einen, wo wir von unserem Wunsch, Erfolg zu haben, angetrieben werden und nicht uns von einem Ressentiment gegen Erfolg herunterziehen lassen.“

Romney zeigte sich an diesem Abend befreit, selbstbewusst und angriffslustig. Ganz anders als sonst. Denn oft vermittelte Romney einen angespannten und unsicheren Eindruck, der es vielen Wählern schwer machte, sich mit ihm zu identifizieren. Bisher war er nicht der Kandidat, mit dem man sich vorstellen könnte, ein Bier zu trinken (was ihm als Mormone sowieso nicht erlaubt wäre). Zumindest während seiner Rede wirkte er jetzt ein wenig lockerer. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass er mit 39.3% in New Hampshire endlich die psychologische Marke von 30% knackte damit außerdem sein Ergebnis von 2008 um mehr als 8% übertraf.

Romney schrieb mit seinem Sieg zudem Geschichte. Er ist der erste nicht-amtierende Republikaner, der sowohl die Caucuses in Iowa wie auch den Primary in New Hampshire für sich entscheiden konnte. Mit diesen Siegen kann er jetzt nach South Carolina, wo in knapp zehn Tagen wohl der entscheidenden Primary stattfinden wird. Dort wartet eine eher konservative Wählerschaft, vor allem viele born-again Christen, auf ihn, was es sicherlich schwer für ihn machen wird. Doch Bill Clinton hatte einmal gesagt, dass sich Demokraten in ihren Kandidaten verlieben wollen, während sich Republikaner hinter den aussichtsreichsten Kandidaten stellen. Das könnte auch im Fall von Romney passieren, die Frage ist nur, ob es bereits in South Carolina passiert oder ob ein schwaches Ergebnis dort den Vorwahlkampf noch ein wenig verlängert. Zumindest kann Romney die Unterstützung der beliebten indischstämmigen Gouverneurin South Carolinas, Nikky Haley, vorweisen. Sie vertritt konservative Position in sozialen und ökonomischen Fragen und erfreut sich bei Anhängern der Tea Party großer Beliebtheit. Sie ergänzt damit also Romneys schwache konservative Flanke. Ob konservative Wähler ihrer Empfehlung allerdings folgen werden, ist noch nicht ausgemacht. Im Falle von Romneys Nominierung könnte es aber sein, dass er Haley für den Posten der Vizepräsidentin auswählt (andere spekulieren auf den kubanischstämmigen Marco Rubio aus Florida).

Bei den übrigen Kandidaten herrschten am Dienstagabend größtenteils lange Gesichter. Jon Huntsman schnitt mit 16.9% zwar nicht schlecht ab, aber ihm werden in anderen Bundesstaaten keinerlei Chancen eingeräumt. Zumal er in mindestens drei Bundesstaaten noch nicht einmal die erforderlichen Kriterien erfüllte, um auf dem Wahlzettel zu erscheinen. Rick Perry rangierte mit nicht einmal 1% erwartungsgemäß unter ferner liefen und wird wohl auch in South Carolina nicht mehr entscheidend aufholen können. Auf Rick Santorum setzten nach dem knappen Rennen in Iowa viele Konservative. Doch obwohl man bereits wusste, dass Santorum im moderat-konservativen New Hampshire keinen großen Erfolg erringen würde, war sein fünfter Platz mit 9.4% und über hundert Stimmen weniger als Newt Gingrich eine Enttäuschung. Das wird ihn einiges an seinem Moment, das er nach seinem guten Abschneiden in Iowa besaß, einbüßen lassen. Gingrich kann sich ebenfalls nicht mehr allzu viel erhoffen. Mit seiner anti-kapitalistischen Kampagne hat er vor allem ökonomisch konservative Wähler abgeschreckt, ob sozial konservative Wähler in South Carolina ihn Santorum vorziehen werden, ist ebenfalls fraglich.

Nur Ron Paul bleibt als einziger wirklicher Herausforderer weiterhin im Rennen. In New Hampshire erhielt er 22.8%, konnte aber vor allem sein Ergebnis von vor vier Jahren verdreifachen. Paul wird nicht die Nominierung der republikanischen Partei erhalten, dafür sind seine außenpolitischen Positionen zu extrem, aber er spricht viele junge Wähler an und, wie Analysen der Wähler in Iowa und New Hampshire zeigen, vor allem Demokraten und Unabhängige. So stimmten 31% der Unabhängigen in New Hampshire für Paul (Romney lag hier bei 30%) und 25% der Demokraten (Romney: 14%).

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass Paul aufgrund der hohen Zustimmung doch noch als Kandidat einer dritten Partei antritt. Das stellt eine wirkliche Gefahr für die Republikaner dar, da Pauls Wähler sich zu einem Teil mit denen Romneys überschneiden, was am Ende somit einen schwächelnden Obama stärken würde. Noch sträubt sich Paul, dazu konkrete Aussagen zu treffen, nicht nur um seine Kandidatur für ein republikanisches Ticket nicht zu gefährden, sondern es wird vermutet, dass er nicht die Zukunft seines in der republikanischen Partei aufstrebenden Sohns Rand Paul gefährden möchte. Viele Republikaner würden es Paul nicht verzeihen, wenn sie wegen seiner Kandidatur mit einer dritten Partei gegen Obama verlieren würden.

Was viele seit einiger Zeit geschrieben haben, trifft immer noch zu: Romney kann sich nur noch selbst schlagen. Sollte es ihm aber gelingen, genug Stimmen zu erhalten, dann könnte er das schaffen, was seinem Vater, George W. Romney, 1968 verwehrt geblieben ist. Er wäre der erste mormonische Präsidentschaftskandidat der Republikaner und, wenn alles glatt geht, sogar der erste Mormone im Weißen Haus.

Damit würde er auch eine schmerzhafte Episode in der Geschichte der Kirche der Heiligen der Letzten Tage (LSD), so der offizielle Name der Mormonen, überwinden. Im Jahr 1844 trat mit Joseph Smith, dem Begründer und einem der Propheten der LDS, der erste Mormone als Präsidentschaftskandidat an.

In seiner Kampagne als unabhängiger Kandidat trat Smith einerseits mit einem Plädoyer für eine „Theodemokratie“ an, andererseits forderte er aber fast zwanzig Jahre vor der Abschaffung der Sklaverei die Befreiung aller Sklaven. Seine Kampagne für die Präsidentschaft endete mit seiner Ermordung durch einen anti-mormonischen Lynchmob in Illinois. Der Anti-Mormonismus nahm in Folge so stark zu, dass die Mehrheit der Mormonen aus Illinois regelrecht vertrieben wurde. Ihr über 2.000 Kilometer langer Exodus führte sie schließlich nach Salt Lake City in Utah.

Mit der Nominierung zum republikanischen Präsidentschaftskandidat, der zudem noch eine reele Chance auf einen Sieg hat, könnte der Mormone Romney also, wie einst der Katholik John F. Kennedy oder der Afro-Amerikaner Obama, Geschichte schreiben. Das war unter anderem der Grund für das Wochenmagazin ‚Newsweek‘ Romney mit der Überschrift „The Mormon Moment“ auf das Juni-Titelbild zu heben.

Für die republikanischen Wähler ist jedoch gegenwärtig nicht so sehr entscheidend, welcher Religion Romney angehört und nicht einmal wie sein politisches Programm im Detail aussieht. Für die meisten Republikaner geht es bei dieser Wahl vor allem um eines: Obama unbedingt aus dem Weißen Haus zu wählen. Und gegenwärtig sieht es so aus, als würde eine Mehrheit bei den Republikanern Romney diese Aufgabe zutrauen.

Nachtrag: Der von mir überaus geschätzte Peter Wehner vom COMMENTARY Magazin argumentiert in einem lesenswerten Text, dass Romney ein gar nicht so schwacher Kandidat sei.