Ein Leben, das bleibt

u alles so sinnlos
u alles so weit
drohend Ende:
Unendlichkeit
(Gottfried Benn)

Vor zwei Wochen verstarb meine Großmutter, nur wenige Stunden vor ihrem 95. Geburtstag. Ich war und bin leider zu weit entfernt, um meinem Vater in diesem Moment beistehen zu können. Aber in meinen Gedanken versuche ich bei ihm und meinen anderen Verwandten zu sein.

Immer wenn ich über den Tod nachdenke, fällt mir Benns Zitat ein, das nur ein Fragment ist. Es ist sicherlich nicht die erbaulichste Aussage, aber sie beschreibt ganz gut, was ich im Moment des Todes eines lieben Menschen empfinde. Im Augenblick, in dem wir erfahren, dass dieser Mensch von uns gegangen ist, scheint alles sinnlos und es scheint alles so weit. Auch droht eine „Unendlichkeit“ des Schmerzes und des Vermissens, eine „Unendlichkeit“ der Leere. Aber sie droht nur und es liegt an mir, wenn schon nicht die „Unendlichkeit“ des Erinnerns abwenden zu können, so doch diese „Unendlichkeit“ mit positiven Inhalten zu füllen.

Meine Großmutter hat mich viel gelehrt, vor allem habe ich durch sie viel über meine Wurzeln gelernt und ihre Kraft habe ich immer bewundert.

In Nordmähren geboren und aufgewachsen, studierte sie später in Prag. Nach der Befreiung der Tschechoslowakei wurde sie vertrieben, ihr Vater und seine Frau wurden aufgrund der Fachkenntnisse meines Urgroßvaters aber da behalten, genauso wie ihr Bruder Helmut, der als Fahnenflüchtiger sich bereits im amerikanischbesetzten Westen befand, dann aber fatalerweise wieder Nachhause zurückkehrte, das von den Sowjets und den so genannten tschechische Partisanen besetzt war.

Auch auf meine wiederholten Nachfragen hat meine Großmutter nie erzählt, was sie in diesen Tagen erlebt hat. Es müssen schreckliche Dinge gewesen sein. Als sie in einen Güterwaggon gesteckt wurde, durfte sie nichts mitnehmen, außer ihre Erinnerungen. Die Familie wurde auseinandergerissen und meine Großmutter sah ihren Vater nie wieder.

In Deutschland hat sie sechs Kinder groß gezogen und dies, da mein Großvater bereits wenige Jahre nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft starb, den überwiegenden Teil alleine. Trotz dieser Strapazen und Schicksalsschläge behielt sie bis zum Ende ein fröhliches Gemüt. Ich bin froh, dass ich mich mit ihr über vieles ernsthaft unterhalten konnte und dass sie nicht an einer langwierigen und entwürdigenden Erkrankung litt. Ich stelle mir vor, dass sie einfach eingeschlafen ist.

Ich bin dankbar, dass ich sie als Großmutter hatte. Meine Erinnerungen an sie bleiben. Unendlich.


1 Antwort auf „Ein Leben, das bleibt“


  1. 1 christine reischl 19. Januar 2012 um 17:51 Uhr

    Danke!

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