Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

These, then, are my last words to you: Be not afraid of life. Believe that life is worth living, and your belief will help create the fact. The ’scientific proof‘ that you are right may not be clear before the day of judgment (or some stage of being which that expression may serve to symbolize) is reached. But the faithful fighters of this hour, or the beings that then and there will represent them, may then turn to the faint-hearted, who here decline to go on, with words like those with which Henry IV. greeted the tardy Crillon after a great victory had been gained: „Hang yourself, brave Crillon! we fought at Arques, and you were not there. (William James: „Is Life Worth Living?“, 1895)


Meine Zeit in New York ist rum. In den letzten Wochen war so viel los, dass ich nicht mehr die Ruhe fand, etwas zu schreiben. Über den Vorwahlkampf hätte es sowieso nichts Neues zu berichten gegeben, außer einem ständigen hin un her. Romney gelang es natürlich nicht, die Nominierung im Februar endgültig für sich entscheiden und so wird es damit wohl noch bis Juni weitergehen. Obwohl ich den gesamten Vorwahlprozess den Mauscheleien in den Zentralkomitees der deutschen Parteien vorziehe, ist meine Überzeugung, dass mit Romney ein überzeugender und aussichtsreicher Kandidat gegen Obama antreten wird, der Befürchtung gewichen, dass eventuell doch Santorum von den Republikanern nominiert wird, der mit seinen sehr konservativen Ansichten schlicht nicht die moderaten oder unabhängigen Wähler ansprechen würde.

Noch problematischer sind gegenwärtige Diskussionen über eine „brokered convention“, dass also die Parteieliten bei der Nominierungsveranstaltung in Tampa im August einen ganz neuen Kandidat aus dem Hut zaubern und durchdrücken wollen. Das würde weite Teile der republikanischen Basis verstören und zu recht. Insgesamt habe ich in den letzten Monaten mit wachsender Verstörung konservative Medien gelesen und mich gewundert, mit welchem Eifer die gegenwärtigen Kandidaten angegangen und so demontiert wurden. In Teilen der konservativen Bewegung in den USA herrscht ein Verlangen nach Purismus, der sich letzten Endes als schädlich herausstellen könnte. Die schlechten Zustimmungswerte zum Kongress sollten einigen zu denken geben. Denn diese sind nicht zuletzt das Ergebnis der kompromisslosen Haltung der tea-party Neulinge, die bei den letzten Wahlen Ende 2010 eingezogen waren. Es ist eine Ideologisierung der konservativen Bewegung, die sich wieder legen wird, davon bin ich überzeugt, die aber in den nächsten Jahren zu großen Verwerfungen führen könnte. Vor allem aber könnte sie ein Sieg von Obama zur Folge haben, was ich geopolitisch für eine absolute Katastrophe halten würde.

Jetzt aber zu wichtigeren Dingen. Die letzten Wochen meines Aufenthalts verbrachte ich weniger mit dem aktuellen Geschehen in der US-Politik. Ich versuchte vielmehr jeden Moment meines Alltags in mich aufzunehmen. Ich genoss das Ausnahmewetter, trank jede Tasse des zu unrecht geschmähten amerikanischen Brühkaffees als sei sie meine letzte, versuchte mir die Gesichter der Menschen in meiner U-Bahn genau einzuprägen, um sie in meine Galerie der Erinnerung aufzunehmen, wanderte durch die Straßen, damit sich das Profil der Gehwege und Fahrbahnen in meine Schuhabsätzen einschrieb. Aber letztlich nutzt es doch nichts. Das Verlassen eines liebgewordenen Ortes führt dazu, dass man diesen zwar langsam, aber doch stetig vergessen wird.

Erst erinnert man sich nicht mehr so genau an die Kleinigkeiten des Alltags, die Pflanze, die aus dem Asphalt hervorbricht und über deren Kraft man im Moment, in dem man sie zum ersten Mal bemerkte, so begeistert war. Dann kommen die größeren Dinge, zum Beispiel Menschen, denen man täglich begegnete, die Verkäufer in meinem Bagel-Bäcker, wo ich gegen Ende jeden Tag mein Frühstück kaufte oder der Hausmeister, der am Empfang meiner Bibliothek saß. Und schließlich verschwimmt die Erinnerung an die Stadt. Man meint, die Umrisse der Hochhäuser nachzeichnen zu können, die Wege, die man Tag für Tag ging, den Stand der Sonne am 6. März um 12.14 Uhr. Am Ende stellt man aber fest, dass man sich getäuscht hat, die Häuser so in New York nicht zu finden sind, die Straße eine Sackgasse und ich Anfang März nicht in New York war.

Was bleibt, ist ein Gefühl. Nichts hat meine Zeit in dieser Weltstadt so geprägt, wie eine gewisse Leichtigkeit, die man wohl nur an einem Ort erleben kann, der sich so dem Leben und der Zukunft zuwendet wie New York. Als Deutscher vermisste ich so manches, fehlte mir die europäische Stadtstruktur, das Straßenleben mit Cafés und alteuropäische Behäbigkeit, vor allem aber die Vertrautheit des Bekannten. Jedoch ich gewann mehr als ich einbüßte. Mit dem Gefühl veränderte sich nämlich auch die Wahrnehmung. Dinge, die mir wichtig erschienen, traten in den Hintergrund und mir wurde klar, dass es mehr und anderes gibt. Die Freundlichkeit und Leichtigkeit der Menschen, deren Leben ja oftmals nicht freundlicher oder leichter ist als das meine, überzeugten mich. Nicht wenige Male stand ich nach einer freundlichen Geste da und wunderte mich, warum es mir so schwer fällt auch so zu sein. Nach einiger Zeit erwischte ich mich selbst beim freundlichen Grüßen, beim Entschuldigen nach einem unbedeutenden Rempler, beim Auskunftgeben oder beim Smalltalk. Diese Tugenden, die in Alteuropa gerne als oberflächlich und deshalb überflüssig angesehen werden, machen aber das Leben schöner. Der Zwang, ständig auf der Hut vor meinen Mitmenschen sein zu müssen und das ihnen auch zu zeigen, wich einer Offenheit gegenüber der potenziellen Ansprache durch den in der Schlange Wartenden oder den Orientierungslosen. Das heißt natürlich nicht, dass man in New York zwanglos mit dem Sitznachbarn in der U-Bahn quatscht oder jeden Fremden auf der Straße anspricht. Auch und gerade dort geht man seinem Geschäft nach. Aber im Falle, dass man mit anderen Menschen in Interaktion tritt, dann macht man sich das Leben nicht schwerer als es bereits ist. Man weiß, einem freundlichen Lächeln und einem netten Wort würde man selbst auch lieber begegnen als einem mürrischen Knurren.

Das ist natürlich nicht alles. Aber ich erhebe ja auch nicht den Anspruch, eine vollständige und universale Beschreibung meiner Erfahrung machen zu wollen oder gar machen zu können. Vielmehr wollte ich zum Abschluss in mir nach der Spur suchen, die diese wunderbare Stadt hinterlassen hat. Wenn ich nun dieses Gefühl der Leichtigkeit als das entscheidende Vermächtnis ausgemacht zu haben scheine, dann muss ich hinzufügen, dass dieses wahrscheinlich nicht nur auf New York beschränkt war, sondern ich es vor allem auch in meinen letzten Tagen, als ich eine kurze Rundreise außerhalb der Metropole absolvierte, angetroffen habe. Nach vielen sehr anregenden Gesprächen mit meiner Cousine, die ich in North Carolina besucht hatte, stellte ich fest, dass es doch eher ein allgemeiner Charakterzug der Amerikaner ist (Ausnahmen bestätigen die Regel) und es in New York nur viel gedrängter vorkommt. Ich hatte eine so wunderbare Zeit bei ihr, sie konnte mir mit ihrer Art, das Gefühl vermitteln, dass kein noch so banaler Moment unnütz wäre oder dass das Leben nicht wert wäre, gelebt zu werden. Ja, vielleicht interpretiere ich zu viel in meinen Aufenthalt bei ihr und sehr wahrscheinlich überinterpretiere ich meine Zeit in New York, aber vielleicht ist ja gerade dies das Entscheidende. Man erlebt etwas und versucht sich einen Reim darauf zu machen, und der Reim, den ich gefunden habe, gefällt mir und gibt mir Zuversicht und Hoffnung. Ich sehe nichts Schlechtes darin.

Zum Abschluss hoffe ich nun also, diese Leichtigkeit gegenüber dem Leben weiterzutragen und damit ein Stück meiner Zeit in dieser großartigen Stadt in einem faszinierenden Land in mir zu bewahren.


2 Antworten auf „Die erträgliche Leichtigkeit des Seins“


  1. 1 Thomas 15. März 2012 um 3:13 Uhr

    Danke Kevin, für deine Offenheit und für die Möglichkeit aus der Ferne teilzuhaben. Bis bald

  2. 2 Gitta 15. März 2012 um 18:45 Uhr

    Hallo Kevin, willkommen in „Old Europe“. Behalte Dir die Bereitschaft, immer an „Die erträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu denken.
    In Gedanken: „Old aunt Gtta“

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.