Keine Rückkehr

I need you so much closer. (Death Cab for Cutie)

Es gibt einen Punkt, an dem man endgültig erwachsen wird, und der hat nichts mit dem Alter zu tun; er hat nichts mit der ersten Freundin, dem Auszug aus dem elterlichen Zuhause oder sonst einem Akt der Selbstständigkeit zu tun. Alle diese Ereignisse haben für den einen oder anderen das Potenzial, Erwachsenheit zu markieren, aber hier soll es ja nun mal um mich gehen.

Erwachsen zu sein kann in meinem Verständnis nur bedeuten, verstanden zu haben, dass die Vergangenheit vergangen ist – unwiederbringlich. Wenn ich so darüber nachdenke, ist doch ein Merkmal meiner Jugend, dass ich mir nie darüber Gedanken gemacht hatte, dass die zerronnenen Augenblicke, zerronnen, und damit für immer vergangen bleiben. Man dachte bisweilen daran, aber bewusst war es einem nie.

So kam mein Punkt, die Adoleszenz endgültig hinter mir zu lassen, erst vor einigen Tagen. Mit 31 Jahren merkte ich, dass das Gefühl, erwachsen zu sein, mit einem ganz bestimmten Orte verbunden ist. Es war die Wohnung, in der mein Vater bis vor kurzem wohnte. Dort bin ich aufgewachsen. Ein relativ trister und langweiliger Vorort Stuttgarts. Schon seit einer Dekade war ich eigentlich von dort weggezogen. Aber es gab einen unsichtbaren Faden, der mich mit diesem Ort verband, der mir eine Brücke zu meinen früheren Jahren schlug. Der endgültige Wegzug meines Vaters markierte den erwähnten Schlusspunkt. Es wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, das Vergangenes vergangen bleiben würde und ich lediglich meine Erinnerung, nicht meine Erfahrung haben würde, um mit ihr in Verbindung zu treten. Ich half ihm beim Umzug und mich packte die Melancholie. Selbst meinem Vater, der sich schon seit Jahren auf seinen Auszug vorbereitet hatte, wurde es mulmig. Wenn man knapp 30 Jahre an einem Ort verbringt, dann lässt man das nicht so einfach hinter sich. Und ich hatte mich noch nicht einmal zum Verlassen entschieden!

Vielleicht mache ich aus einer Mücke einen Elefanten. Vielleicht ist das Leben ständige Veränderung. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass wir immer neu anfangen müssen. Vielleicht. Aber wenn ich mich dabei nicht irgendwie komisch, nicht irgendwie entwurzelt, nicht irgendwie verändert fühlte, dann würde ich von mir denken, dass ich mich aufgegeben hätte. Sich an die Vergangenheit zu erinnern, ist interessant, aber mehr auch nicht. An den Ort des Erinnerns zurückzukehren, ihn als genau diesen und keinen anderen Ort zu erfahren, ist etwas anderes. Mich emotional an den Ort meines Aufwachsens gebunden zu fühlen, kann ich nicht so einfach wegschieben. Es ist da.

In solchen Momenten fällt mir in der Regel Musik ein. Marcel Proust brauchte ein Stück Gebäck, um sich seiner Jugend zu erinnern, ich hingegen falle zurück in eine lang vergangene Zeit, wenn ich folgende Akkorde höre

Doch leider bleibt es bei einem Gefühl. Und es ist ein Gefühl der Leere. Ja, ich kann dorthin fahren und mir unser Mietshaus, unsere Wohnung anschauen. Aber ich kann nie mehr als derjenige zurückkehren, der dort noch zu Hause ist. Und deshalb vermisse ich den Ort, an dem ich aufgewachsen bin; ich vermisse die Möglichkeit, dorthin als ein dort irgendwie Ansässiger zurückzukehren; ich vermisse das Gefühl von Heimat; in einer gewissen Weise vermisse ich mich.

Natürlich ist das heilloser Romantizismus. Na und? Nur weil ich nicht durch ein Stahlbad der emotionslosen Vernunft geschritten und mein Gefühl verloren habe, soll ich mich schlecht fühlen? Ich freue mich für jeden, der sich frei machen kann von seiner Vergangenheit.

Ich kann, ja, und ich will es nicht. Und damit muss und werde ich leben.


1 Antwort auf „Keine Rückkehr“


  1. 1 KD 05. Mai 2012 um 1:29 Uhr

    Schön beschrieben. Und das Gefühl kenne ich auch. Alles Gute!

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