Archiv der Kategorie 'Privatim'

Keine Rückkehr

I need you so much closer. (Death Cab for Cutie)

Es gibt einen Punkt, an dem man endgültig erwachsen wird, und der hat nichts mit dem Alter zu tun; er hat nichts mit der ersten Freundin, dem Auszug aus dem elterlichen Zuhause oder sonst einem Akt der Selbstständigkeit zu tun. Alle diese Ereignisse haben für den einen oder anderen das Potenzial, Erwachsenheit zu markieren, aber hier soll es ja nun mal um mich gehen.

Erwachsen zu sein kann in meinem Verständnis nur bedeuten, verstanden zu haben, dass die Vergangenheit vergangen ist – unwiederbringlich. Wenn ich so darüber nachdenke, ist doch ein Merkmal meiner Jugend, dass ich mir nie darüber Gedanken gemacht hatte, dass die zerronnenen Augenblicke, zerronnen, und damit für immer vergangen bleiben. Man dachte bisweilen daran, aber bewusst war es einem nie.
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Ein Leben, das bleibt

u alles so sinnlos
u alles so weit
drohend Ende:
Unendlichkeit
(Gottfried Benn)

Vor zwei Wochen verstarb meine Großmutter, nur wenige Stunden vor ihrem 95. Geburtstag. Ich war und bin leider zu weit entfernt, um meinem Vater in diesem Moment beistehen zu können. Aber in meinen Gedanken versuche ich bei ihm und meinen anderen Verwandten zu sein.

Immer wenn ich über den Tod nachdenke, fällt mir Benns Zitat ein, das nur ein Fragment ist. Es ist sicherlich nicht die erbaulichste Aussage, aber sie beschreibt ganz gut, was ich im Moment des Todes eines lieben Menschen empfinde. Im Augenblick, in dem wir erfahren, dass dieser Mensch von uns gegangen ist, scheint alles sinnlos und es scheint alles so weit. Auch droht eine „Unendlichkeit“ des Schmerzes und des Vermissens, eine „Unendlichkeit“ der Leere. Aber sie droht nur und es liegt an mir, wenn schon nicht die „Unendlichkeit“ des Erinnerns abwenden zu können, so doch diese „Unendlichkeit“ mit positiven Inhalten zu füllen. (mehr…)

Unter zeitlosen Freunden

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rilke, Herbsttag)

Wie die Zeit vergeht! Mittlerweile sind fünf Wochen ins Land gezogen, ohne dass ich einen weiteren Text verfasst habe. Nicht nur im Alter rinnen einem die Tage davon, die Großstadt tut hier ihr Übriges dazu. New York ist bekanntermaßen die Stadt, die niemals schläft, sie ist aber auch die Stadt, in der eine Stunde so schnell vergeht wie wohl sonst nur an wenigen anderen Orten, sie frißt geradezu die Augenblicke. Das ist wohl das Opfer, welches man entrichten muss, wenn man hier lebt: das Leben wird einfach kürzer, nicht faktisch, aber gefühlt. Sei’s drum, die Tage sind vergangen, der Herbst hat Einzug gehalten in New York und es legt sich langsam die entsprechende jahreszeitliche Melancholie über die Stadt.
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Der Ernst des Lebens

Ein Blog sollte auch dazu da sein, das Leben des Schreibenden zu dokumentieren und zur Schau zu stellen. Deshalb will ich mich auch einfach mal etwas Banalem, nämlich meinem Leben widmen. In den letzten Tagen fand ich nicht die Zeit, um mich für einen Text hinzusetzen. Zum einen hing das damit zusammen, dass ich fleißig war und meinem eigentlichen Aufenthaltsgrund hier in New York nachgegangen bin, das heißt ich verbrachte die letzten Tage in der Bibliothek mit dem Schreiben der ersten Kapitel. Der Abstand von Deutschland und die Situation, in der ich mich nicht ständig ablenken kann, haben sehr dazu beigetragen, dass ich heute ganz zufrieden auf die Woche zurückblicke. Zum anderen hängt das Schreiben von Texten für den Blog immer auch von einer gewissen Inspiration ab. Anders als das Schreiben der Dissertation, wo die anfängliche Inspiration, so langsam einem routinierten Verschriftlichen des Materials weicht/weichen sollte. Das muss natürlich nicht eine übernatürliche Quelle sein, es braucht einen Gedankenblitz, der einem eine Idee gibt oder die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Frage lenkt. In dieser Woche habe ich gemerkt, dass dieser Blitz sich nicht einstellt, wenn man sieben Stunden pro Tag über der Dissertation hängt und im Anschluss gegebenfalls noch einen Philosophie workshop besucht, in dem viel, aber doch wenig gesagt wird. Die anderthalb Stunden Hin-und Rückfahrt zur Bibliothek fügen dann noch ihr Übriges zur Erschöpfung und dem ausbleibenden Gedankenblitz hinzu. So sitze ich also in meiner freien Zeit lieber in einem Café oder in einer Kneipe, statt mir einen Kopf über den nahenden Weltuntergang oder zumindest über ein Thema, das eine gewisse Breitenwirkung haben könnte, zu machen. Doch dann kommt mir auch wieder der Gedanke, dass Menschen, die immer nur über das große Ganze reden und denken müssen, notgedrungen verbittern. In solchen Momenten freue ich mich und zünde mir eine Zigarette an, trinke ein Bier oder einen großen Becher allerfeinsten amerikanischen Brühkaffee, blicke aus dem Fenster auf die Straße, verfolge den Wolkenzug und lese ein gutes Buch. Unsere Lebenszeit ist zu kurz, um zu verbittern, und all die Bitternis, die sich auch bei mir nach einem kurzen Blick in die Tageszeitung einstellt, wird es nicht schaffen, dass dies ein anhaltendes Gefühl werden wird. So verabschiede ich mich in mein Wochenende, wo Gespräche, Bier und das Leben auf mich warten. Nächste Woche wird es wieder ernst, versprochen.

Ein Tag, der ewig bleibt


Ein Freund und ich hatten den Tag am Strand verbracht. Zusammen mit drei weiteren Freunden waren wir nach erfolgreich bestandenem Abitur zu einem wohlverdienten Urlaub ins französische Baskenland aufgebrochen. Wir hatten die Strecke von Deutschland nach Frankreich mit zwei Autos gemeistert, ich, gerade 21 Jahre geworden, mit meinem geliebten VW Polo voll des Gefühls der Freiheit, vor mir eine Zukunft, die vermeintlich offen stand, und man nur zuzugreifen brauchte. Es war ein wunderbares, unbeschreibliches Gefühl. Der Sommer ging damals bereits so langsam dem Ende entgegen, am Strand und in der Feriensiedlung war nicht mehr allzu viel los, wir tranken viel, bräunten unsere Astralkörper und genossen unsere Unschuld. Ich glaube keiner von uns wusste so richtig, wohin ihn der weitere Lebensweg führen würde. Politik war weit weg, ich hatte meine Zeit in der Antifa und bei den Trotzkisten schon abgerissen und mich zunehmend dem Hedonismus gewidmet. Das Leben zu genießen, schien mir eindeutig sinnvoller, als es mit hohlen Phrasen und in heruntergekommenen Jugendzentren zu verbringen. In einem Moment der Sinnsuche hatte ich mir Nietzsches ‚Ecce Homo‘ mit in den Urlaub genommen, ein wortgewaltiges Buch, für das ich zu jung war – was ich damals noch nicht wusste – , das aber nicht besser in diese Zeit hätte passen können.

Dienstag, der 11. September 2001 war jedenfalls ein herrlicher Tag. (mehr…)